Wirtschaft : Am Abgrund

Faule Kredite, hohe Arbeitslosigkeit, schwindende Bonität – die Situation in Spanien spitzt sich zu.

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Sorgen um Spanien: Die viertgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone kämpft ums wirtschaftliche Überleben und zieht auch andere Euro-Länder wie Italien herunter. Foto: dapd
Sorgen um Spanien: Die viertgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone kämpft ums wirtschaftliche Überleben und zieht auch andere...Foto: dapd

Madrid – Die Hiobsbotschaften für das Krisenland Spanien nehmen kein Ende. Die internationale Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) stufte die Kreditwürdigkeit der viertgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone wegen der schlechten Zukunftsaussichten erneut um zwei Noten herunter. Die spanische Misere spiegelt sich zudem in einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf den traurigen Rekordwert von 24,4 Prozent. Ende 2011 hatte die Arbeitslosenquote noch bei 22,9 Prozent gelegen. Der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy sprach von einer „sehr schwierigen und komplizierten“ Lage.

Nach der neuen Abstrafung durch S&P treibt die Bewertung der finanziellen Vertrauenswürdigkeit Spaniens dem gefürchteten „Müll-Niveau“ entgegen. S&P ließ Spaniens Kreditnote von A auf BBB+ rutschen. Das ist bereits sieben Stufen unter der Höchstbewertung AAA, die etwa Deutschland hält. Und nur noch drei Stufen über den „spekulativen Anlagen“, mit denen etwa das Euro-Pleiteland Portugal gebrandmarkt ist. Der weitere Ausblick für Spanien „ist negativ“, erklärte S&P, eine der drei großen Ratingagenturen, das Königreich müsse also mit einer weiteren Abstufung rechnen.

Der wachsende Verlust der Bonität bedeutet, dass die Aufnahme staatlicher Kredite am Finanzmarkt teurer wird. Zehnjährige Anleihen Spaniens wurden zuletzt mit etwa sechs Prozent Zinsen gehandelt. Das ist drei Mal mehr, als für deutsche Anleihen fällig werden. Ein Zinssatz von sieben Prozent gilt als kritisches Niveau, ab dem ein Staat seine Schuldenfinanzierung nicht lange aushalten kann - und ab dem eine Rettungsaktion droht. Rajoy warnte, dass Spanien „in diesem Jahr mehr als 60 Milliarden Euro“ an Krediten aufnehmen müsse, um finanziell zu überleben.

Die Analysten von S&P sehen gleich mehrere „erhöhte Risiken“ für die Zukunft. Dazu gehöre die „Verschlechterung der Haushaltslage“, nachdem Spanien das Defizitziel für 2011 nicht erreichte und ankündigte, auch für 2012 mehr Schulden zu machen, als ursprünglich vorgesehen. S&P bezeichnet es als „unwahrscheinlich“, dass Madrid bis 2013 das Etatdefizit – wie versprochen – auf die Euro-Stabilitätsgrenze von drei Prozent drücken kann. Im vergangenen Jahr hatte Spanien ein Etatdefizit von 8,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausgewiesen. Eine schrumpfende Wirtschaft mit sinkenden Steuereinnahmen erschwert zusätzlich die Lage.

Besondere Sorgen bereitet auch Spaniens Bankensektor, der faule Immobiliengeschäfte in Höhe von rund 180 Milliarden Euro verdauen muss. S&P geht von einer wachsenden Notwendigkeit aus, dass die Geldinstitute neue milliardenschwere Notkredite brauchen, was den Staatshaushalt weiter belasten könnte. Auch der Internationale Währungsfonds glaubt, dass in den Bankenbilanzen Verluste „versteckt werden“. Viele Geldinstitute versuchen derzeit, sich mit Fusionen vor der Pleite zu retten, nachdem sie durch den 2008 begonnenen drastischen Immobilienwertverfall in die roten Zahlen rutschten.

Die Bundesregierung stellte sich nach der S&P-Entscheidung demonstrativ hinter die spanische Regierung und ihren Sparkurs. Berlin habe „Zutrauen und Vertrauen“ in Spaniens Entschlossenheit, das Nötige zur Bewältigung der Krise zu tun, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble räumte ein, die Herabstufung mache die „ohnehin kritische Situation in Spanien noch etwas kritischer“.

Auch für Italien, das ebenso wie Spanien als Wackelkandidat in der Schuldenkrise gilt, ist es wieder teurer geworden, sich an den Finanzmärkten Geld zu leihen. Das italienische Finanzministerium konnte am Freitag Staatsanleihen im Wert von fast fünf Milliarden Euro platzieren. Für fünf- und zehnjährige Papiere musste es den Anlegern aber mehr Zinsen gewähren als noch im März. Für Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit stiegen die Zinsen von 5,24 auf 5,84 Prozent, bei den Fünfjahres-Anleihen zahlte Italien 4,86 Prozent Zinsen gegenüber 4,18 Prozent bei der letzten Auktion. mit AFP/dapd

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