Wirtschaft : "Am Ende steht die Weltbörse" - sagt Sir David Walker, Europa-Chef von Morgan Stanley Dean Witter

gja/stk

Die weltweite Börsenlandschaft steht vor einem dramatischen Wandel, der sich weit schneller vollziehen könnte, als bisher angenommen. Bereits innerhalb der nächsten zwölf bis 24 Monate werde es nicht mehr nur um eine europäische oder transatlantische Börsenkonsolidierung gehen, sondern zunehmend um die Schaffung weltweiter Handelsmöglichkeiten. Alles werde jetzt "sehr, sehr schnell" gehen, sagte der Europa-Chef der US-Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter, Sir David Walker, in London. Am Ende der Entwicklung könnte nach seiner Einschätzung eine einzige bedeutende Plattform für den Aktienhandel weltweit stehen.

Die in der vergangenen Woche angekündigte Fusion der Börsen in Frankfurt und London bezeichnete Walker als Eckpfeiler und als großen Schritt auf dem Weg zur Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft, dem weitere folgen müssten. Dieser Prozess werde zum großen Teil bereits in diesem Jahr stattfinden. Für die Etablierung einer einzigen großen Plattform in Europa veranschlagt er nur zwei Jahre.

Im Laufe des Jahres 2001 wird nach seiner Prognose das transatlantische Zusammenrücken der Handelsplätze auf den Weg gebracht werden - wie es mit der angestrebten Einbeziehung der US-Börse Nasdaq in das Bündnis von London und Frankfurt bereits angelegt ist. Nach dieser Phase werde es dann um die globale Dimension der Konsolidierung gehen, prognostizierte der Investmentbanker.

Er ließ keinen Zweifel daran, was zur Beschleunigung der jahrelang stockenden Konsolidierung in Europa geführt hat: der Druck der großen Marktteilnehmer, zu denen Morgan Stanley als eine der weltweit führenden Investmentbanken zählt. "Die Nutzer der Börsen haben mit ihren Muskeln gespielt", sagte Walker, der neben dem Aufsichtsratschef der Deutschen Börse AG und Chef der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, als eine der treibenden Kräfte für die Konsolidierung in Europa gilt.

Gespäche mit "Euronext"

Der Investmentbanker machte klar, dass der Druck der führenden Häuser auch künftig nicht nachlassen wird. Von London und Frankfurt, die sich bis Jahresende zur Börse "iX" zusammenschließen wollen, erwartet er frühzeitige Gespräche mit dem geplanten Konkurrenzbündnis "Euronext" unter Führung der Pariser Börse. Die iX-Partner dürften dabei nicht "imperial" auftreten, warnte er. iX wird seinen Sitz in London haben.

Die Standardwerte sollen in der Themsestadt nach englischem Recht gehandelt werden. Die von der US-Technologiebörse Nasdaq und London / Frankfurt geplante paneuropäische Börse für Wachstumswerte wird in Frankfurt nach deutschem Recht geführt. Einen Wettbewerb zwischen "iX" und "Euronext" lehnte Walker ab.

Für die Standardwerte erwartet er einen Handel in Euro, bezeichnete die bisher noch ungeklärte Währungsfrage aber als unwichtig. London weise die höchste Liquidität in Blue Chips auf, Deutschland verfüge mit dem Neuen Markt über den "besten Wachstumsmarkt". Einen aus Sicht der führenden Häuser wichtigen Makel habe die Vereinbarung zwischen London und Frankfurt allerdings: Sie klammere den Bereich von Verrechnung (Clearing) und Abwicklung (Settlement) aus. Aus Sicht der großen Marktteilnehmer müssten die Fusionsbörsen zudem rasch das Thema Wertpapierabwicklung angehen, das sie bei ihrer Fusion zunächst außen vor lassen wollen. Die Börsennutzer sehen gerade auf diesem Feld die größten Einsparpotenziale - nach Branchenschätzungen europaweit bis zu einer Milliarden Dollar jährlich.

Walker zeigte sich sehr optimistisch, dass die Fusion der Handelsplätze bereits in diesem Jahr von einer Konsolidierung im Clearing-Bereich ergänzt werden könnte. Als sehr wichtig schätzt der Bankier und Börsenexperte auch eine praktikable Lösung für das künftige Aktienlisting ein. Es sei nicht zu tolerieren, wenn zum Beispiel ein Mittelständler aus Bayern sein Listing bei der britischen Aufsicht beantragen müsse.

Eine zentrale europäische Aufsicht für den Börsenhandel sei nicht notwendig, "weil praktikable Vereinbarungen zwischen den zuständigen nationalen Regulierern ausreichend" seien. Langfristig dürfte sich aber "etwas Ähnliches wie eine zentrale Aufsicht in Europa herausbilden", glaubt der Investmentbanker.

Die absehbare Bildung eines einheitlichen Aktienmarktes in Europa stellt aus Sicht Walkers einen der wichtigsten Beiträge für die europäische Einigung dar. "Wäre den Europäern die Konsolidierung nicht gelungen, wären die Amerikaner gekommen und hätten es selbst gemacht. Das Risiko einer US-Dominanz der europäischen Finanzmärkte wäre jedenfalls größer gewesen", sagte Walker.

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