Wirtschaft : Am liebsten zweisprachig und zweigleisig

16 Träger wollen im August neue Schulen in Berlin eröffnen – Eltern melden ihre Kinder doppelt an.

Franziska Felber
Konzentriert in die Zukunft. Die Nachfragen nach mehr Privatschulen in Berlin sind da: Kleinere Klassen und mehr individuelle Förderung sind die ausschlaggebenden Argumente. Foto: dpa
Konzentriert in die Zukunft. Die Nachfragen nach mehr Privatschulen in Berlin sind da: Kleinere Klassen und mehr individuelle...Foto: dpa

Almut Stephansson wird das Gespräch mit dem Gymnasial-Lehrer ihres damals 13-jährigen Sohnes nie vergessen. Der habe zu viele Ideen auf einmal, man solle ihm „die Kreativität austreiben“ und mehr Struktur vermitteln, sagte der Lehrer. Stephansson war empört und hielt eine Rede über individuelle Förderung von Kindern. Ein paar Wochen später traf sie den Lehrer wieder – er bedankte sich, er habe aus dem Gespräch gelernt.

Gemeinsam mit mehreren Eltern, alle mit skandinavischem Hintergrund, gründete Stephansson vor zwei Jahren eine Initiative zur Eröffnung einer privaten Grundschule in Tempelhof. Stephansson will es besser machen als die staatlichen Schulen. Am 6. August, zum neuen Schuljahr, soll es so weit sein. Die Montessori-Stiftung hat beim Senat die Trägerschaft beantragt. Der Unterricht wird in zwei Sprachen stattfinden: in Deutsch sowie in Schwedisch, Dänisch oder Norwegisch. Mit dem bilingualen Konzept liegt die Schule im Berliner Trend.

In der Hauptstadt gibt es rund 190 allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft. Besucht werden sie von 25 000 Schülern, fast neun Prozent der Gesamtschülerzahl. Damit liegt Berlin leicht über dem Bundesdurchschnitt. „Wir könnten doppelt so viele Schüler unterbringen, die Nachfrage ist da“, sagt Volker Symalla, Geschäftsführer des Landesverbands Deutscher Privatschulen Berlin/Brandenburg. In den vergangenen vier Jahren kamen in Berlin jährlich rund zehn allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft hinzu. Für das kommende Schuljahr gibt es 16 Anträge zur Neugründung. In einer Forsa-Studie gaben im vergangenen Jahr 34 Prozent der Befragten an, sie würden Privatschulen staatlichen Schulen vorziehen. Zwei Drittel schlossen sich der Meinung an, Privatschulen würden die Bedürfnisse von Kindern und Eltern besser berücksichtigen.

Erst im Juli erteilt der Senat die Genehmigungen für die Neueröffnungen im August. An der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule (DSG) von Almut Stephansson sind bisher 50 Anmeldungen eingegangen. Die Initiatoren der DSG möchten sich am schwedischen Lehrplan orientieren und Gemeinschaftsunterricht mit je drei Jahrgängen führen. Lehrer und Schüler sollen sich auf Augenhöhe begegnen, das sei Konzept sagt Stephansson. Damit ist sie wieder beim Leitspruch der Privatschulen: kleinere Klassen, mehr individuelle Förderung.

Die Mitglieder des Vereins EKT Zwergenstube e. V., der bereits eine Montessori-Kita in Heiligensee betreibt, wollen im Sommer eine Montessori-Grundschule eröffnen. Mit der Nähe zum Tegeler Forst gehören Erfahrungen in der Natur zum pädagogischen Konzept. Bisher sind 20 Kinder für die Klassen 1 bis 3 angemeldet. Später einmal soll die Schule nicht mehr als 80 Schüler haben. Die Vorstandsvorsitzende Christiane Ostrin sagt: „Das ist ein himmelweiter Unterschied zu öffentlichen Schulen mit 500 Kindern.“ Was die Eltern bei ihnen suchten, sei auch die enge Bindung zum Schulpersonal.

Bei einer Neugründung starten die Schulen in freier Trägerschaft oft nur mit 20 Schülern. Bis die Eröffnung offiziell genehmigt ist, können die Eltern nicht sicher sein, ob es wirklich klappt mit der neuen Schule. Doch die Anträge werden selten abgelehnt. Die meisten Eltern fahren dennoch zweigleisig und melden ihre Kinder zusätzlich an einer staatlichen Schule an.

Auch die Freie Schule Anne-Sophie in Zehlendorf und das Bilinguale Gymnasium Weißensee rechnen mit ihrer Eröffnung im August. Träger des Gymnasiums in Weißensee ist die BIP Kreativitätszentrum gGmbH. Die Freie Schule Anne-Sophie gibt es schon im baden-württembergischen Künzelsau. Dort sitzt auch der Träger, die Stiftung Würth. Für die Grund- und Gymnasialschüler wird es bilingualen Unterricht in Deutsch und Englisch geben, sowie altersübergreifenden Gemeinschaftsunterricht. In das multikulturelle Berlin passt das Konzept hervorragend, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Harald Unkelbach. „Wir glauben, dass die vielen Kulturen fruchtbar aufeinander wirken.“ 60 Schüler sind bereits angemeldet, sie sollen im August ins Zentrum „Zehlendorfer Welle“ ziehen.

Florian Becker, Pressesprecher der Bundesgeschäftsstelle des Verbands Deutscher Privatschulverbände (VDP), rät Eltern bei der Auswahl einer Privatschule dazu, mit dem Schulleiter zu sprechen. „Dann sehen sie, ob er für sein Konzept brennt“, sagt Becker – schließlich zeichnen sich Privatschulen im Idealfall durch ihr Engagement aus. Manche Eltern begeistern sich jedoch für ein Konzept und vergessen, dass es auch zum Kind passen muss. Bei freiem Unterricht wie an den Montessori-Schulen sollten sie zum Beispiel überlegen, ob das für das Kind geeignet ist. „Manche Kinder brauchen eine klare Anleitung, um durch den Schultag zu kommen, andere sind selbstständiger“, sagt Becker. Andernorts, zum Beispiel an Waldorfschulen, ist zudem eine Mitarbeit der Eltern gefordert. Ob sie die Zeit aufbringen wollen und können, sollten sie sich gut überlegen.

Durchaus berechtigt ist auch die Frage nach der Finanzierung der Schule. Privatschulen bekommen in den ersten fünf Jahre keine staatliche Förderung. In den vergangenen zehn Jahren gab es in Berlin zwei Insolvenzen privater Träger. Beide Schulen wurden unter neuer Trägerschaft fortgeführt.

Wenn alles gut geht, mietet Almut Stephansson für ihre neue Schule ab August eine Etage in der Elisabeth-Rotten- Schule in Mariendorf. Sie freut sich darauf, das skandinavische Erfolgsmodell nach zwei Jahren Arbeit endlich nach Berlin zu bringen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben