Wirtschaft : "Am Missmanagement hat sich nichts geändert"

Herr Hansen[warum ist die Stimmung bei der Deutsc]

Norbert Hansen (49) ist seit 1999 Vorsitzender der Transnet Gewerkschaft GdED. Er ist zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn AG.

Herr Hansen, warum ist die Stimmung bei der Deutschen Bahn so schlecht?

Weil die Eisenbahner kein Vertrauen mehr in die Führung haben und frustriert sind. Es gibt eine Fülle von Problemen. Die jüngste Mitarbeiterbefragung war niederschmetternd und hat gezeigt, dass Herr Mehdorn dringend etwas tun muss. Wir haben mit dem Vorstand eine Vertrauensoffensive vereinbart und Maßnahmen durchgesetzt, die für bessere Stimmung sorgen sollen.

Was muss geschehen?

Erstens müssen die Einkommen steigen. Die Lücke zwischen Ost und West muss so schnell wie möglich geschlossen werden, etwa mit einem Stufenvertrag. Außerdem muss die Bezahlung einheitlich werden. Für die gleiche Tätigkeit gibt es derzeit drei verschiedene Gehälter für Beamte und Angestellte - das wollen wir durch die Einführung von leistungsbezogenen Gehältern und Erfolgsbeteiligungen für die jüngeren Mitarbeiter ändern. Für die Tarifverhandlungen bedeutet dies zusammen eine Forderung nach 6,5 bis neun Prozent mehr Lohn.

Solche Tarifsteigerungen könnten Arbeitsplätze kosten. Wollen Sie das?

Dafür gibt es bei der Bahn keinen Spielraum. Der Personalabbau muss gestoppt werden, er führt schon jetzt zu Qualitätseinbußen und Verspätungen. Tausende Eisenbahner sind vorschnell auf die Straße gesetzt worden, obwohl sie wegen der maroden Technik noch dringend gebraucht würden. Wir haben 14 Millionen Überstunden zu viel - die Bahn könnte also sofort 7000 Leute einstellen. Wir werden in Zukunft zusammen mit der Führung die Personalplanung an den Aufgaben orientieren, nicht an den Sparzielen des Managements. Gibt es Streit, werden wir Überstunden verweigern.

Hat der Bahn-Vorstand den Kontakt zur Basis im Unternehmen verloren?

Ja, er informiert die Mitarbeiter nicht ausreichend, niemand weiß, welche Ziele die Bahn hat, wo das Unternehmen in vier, fünf Jahren stehen soll. Ich rate Herrn Mehdorn: Behandeln Sie die Leute anständig, und bezahlen Sie sie ordentlich - dann stimmt auch die Leistung, und die Bahner vertrauen Ihnen wieder.

Wer trägt die Schuld für die Misere?

Die Probleme haben sich über die Jahre aufgebaut. Viel zu lange haben die Bahn-Vorstände Milliarden in prestigeträchtige Neubauprojekte gesteckt, statt das bestehende Schienennetz zu modernisieren. Außerdem waren viele Projekte fehlgeplant, es kam zu Kostenexplosionen und Bauverzögerungen. Zudem ist die Schiene gegenüber Auto und Flugzeug von der Politik immer weiter benachteiligt worden. Man darf die Probleme der Bahn aber nicht auf den Vorstandsvorsitzenden fokussieren. Durch einen Wechsel an der Spitze wird es nicht besser.

Davon hat bislang niemand geredet.

Ich erlebe jetzt den dritten Bahn-Chef und den vierten Verkehrsminister seit ich Gewerkschafts-Chef bin. Am Missmanagement hat sich indes über die Jahre nichts geändert.

Die Bahn will im Dezember ein neues Preissystem einführen. Lässt sich das mit einer frustrierten Mannschaft bewerkstelligen?

Wir haben große Sorgen, dass das Personal in den Reisezentren nicht reicht, die Warteschlangen sind ja heute schon sehr lang. Wenn das neue System am 15. Dezember startet, wollen die Fahrgäste eine kompetente Beratung. Dafür müssen genügend Leute hinter dem Tresen zur Verfügung stehen. Sonst fliegt der Bahn ihr ehrgeiziges Projekt um die Ohren.

Kann die Bahn 2005 an die Börse gehen?

Nein. Bis dahin wird die Sanierung nicht weit genug fortgeschritten sein. Wenn alle Maßnahmen greifen, kann man es schaffen, die Zinsen für die betriebsnotwendigen Kredite zu verdienen. Um die gewaltigen Investitionen in Güter- und Personenverkehr, die noch nötig sind, zu finanzieren, ist die Bahn aber nicht profitabel genug. Ich erwarte, dass Herr Mehdorn 2003 die mittelfristige Finanzplanung korrigieren muss. Die Bahn kann frühestens 2008 oder 2009 an die Börse.

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