Wirtschaft : Amartya Sen: "Unsere Wirtschaft braucht mehr Fairness"

Herr Sen[wer der n&a],noch immer wissen wir nicht[wer der n&a]

Herr Sen, noch immer wissen wir nicht, wer der nächste Präsident in den USA sein wird; George W. Bush oder Al Gore. Mit welchem Präsidenten fahren die Vereinigten Staaten und die Weltgemeinschaft besser?

Schwer zu sagen, die Wirtschaftspolitik von Al Gore ist leichter einzuschätzen. Denn zunächst wäre sie eine Fortsetzung der Clinton-Politik. Wie die Wirtschaftspolitik von George W. Bush aussehen wird, lässt sich nur schwer erahnen. Er hat uns bisher nicht wirklich klar gesagt, was er machen wird.

Aber es stimmt doch, dass Al Gore mehr Geld in das Sozialwesen stecken möchte und Bush die Steuern radikal senken will. Mancher sagt, damit macht Bush die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer...

Was die mögliche Wirtschaftspolitik Bushs betrifft, beunruhigt mich, dass es zu ungerechtfertigen Steuersenkungen kommen könnte. Die Umweltpolitik würde vernächlässigt - was schlecht wäre. Auch sehe ich unter Bush keine Chance, dass es Verbesserungen im Gesundheitswesen gibt. Hinzu kommt die Gefahr, dass die internationale Politik von Bush unter dem Einfluss von Interessengruppen restriktiver wird als bisher. Und schließlich würde der Schuldenabbau, auf den die Clinton-Regierung so viel Wert gelegt hat, nicht konsequent fortgesetzt. Das wäre für die US-Wirtschaft nicht gut.

Viele Länder nehmen sich die USA zum Vorbild. Inwieweit ist die US-amerikanische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nachahmenswert ?

Es gibt viele Vorteile, aber auch Nachteile. Zunächst ist da der Respekt vor den Rechten eines Einzelnen. Das ist ein großer Verdienst der Väter der US-amerikanischen Verfassung. Denn das bedeutet Respekt auch vor der Freiheit des Einzelnen. Zweitens hat die Bedeutung von Arbeit im Leben eines Menschen in den USA einen besonders großen Stellenwert. So hohe Arbeitslosenquoten wie in Europa würde keine Regierung in den USA überleben. Drittens glauben die Amerikaner grundsätzlich an die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Sie glauben, dass es Menschen, egal, woher sie kommen, leicht fällt, sich an die amerikanische Kultur anzupassen. Außerdem bieten die USA ein hervorragendes Bildungssystem. Amerikaner glauben fest daran, dass Bildung jeden Menschen im Leben weiterbringt.

Und was finden Sie weniger vorbildlich?

Mit dem großen Respekt gegenüber den Rechten des Einzelnen ist auch ein ausgeprägtes Verständnis vom Schutz dieser Rechte verbunden. Es steht jedem frei, eine Waffe zu tragen. Das kommt in einer besonders starken Gewalttätigkeit zum Ausdruck.

Und was halten Sie von der Fixierung auf den Markt?

In Europa meint man immer, dass in den USA der Markt alles bestimmt. Das ist aber nicht so. Schauen Sie sich doch nur die Wettbewerbspolitik an. In Europa können Monopole viel eher überleben als in den Vereinigten Staaten. In den USA greift der Staat über seine Anti-Trust-Gesetze viel stärker ein. So gesehen kann man schon vom Glauben an den Markt sprechen. Wo die amerikanischen Konzerne Microsoft oder AT&T heute stehen, hat sehr viel mit staatlichen Interventionen zu tun.

Wie viel Staat verträgt Marktwirtschaft?

Dafür gibt es keine Formel. Es hängt sehr von der jeweiligen Wirtschaftsordnung ab, von den aktuellen Problemen einer Gesellschaft und so weiter. Im Übrigen geht es weniger darum, einen bestimmten richtigen Anteil von Markt und Staat zu finden. Vielmehr führt die Frage weiter, was oder wer in einer bestimmten Situation zu einem besseren Ergebnis führt. Es geht im Wesentlichen doch um Freiheit und Wohlfahrt der Menschen. In Amerika klappt eben vieles besser, manches nicht. Allerdings bieten sich die Vereinigten Staaten nicht als Modell an, das man unbedingt kopieren muss.

Wie muss eine optimale Wirtschaftsordnung gestaltet sein?

Natürlich wissen wir, dass die Marktwirtschaft uns sehr viel Wohlstand bringt. Kein anderes System war bisher so effizient. Aber damit auch alle von diesem Wohlstand profitieren können, muss der Staat ab und zu helfen. Beispielsweise muss er für ein gut funktionierendes Bildungs- und Gesundheitswesen sorgen. Außerdem muss der Staat eingreifen, um einen wirklichen Wettbewerb aufrechtzuerhalten. Und er muss für ein soziales Netz für all jene sorgen, die in der Marktwirtschaft nicht zurechtkommen. Denken Sie nur an Behinderte oder chronisch Kranke. Und nicht zuletzt muss der Staat auch Visionär sein, wichtige Dinge - wie etwa das Internet - voranbringen.

Wird das Internet das Wohlstandsgefälle in der Welt verringern?

Teilweise ja. Teilweise nein. In jedem Fall ist aber klar, dass das Internet das Wirtschaftswachstum weltweit unterstützt. Und das sage ich, obwohl die Werte an den Börsen zuletzt derart in den Keller gegangen sind.

Hilft das auch den Entwicklungsländern?

Das kommt darauf an. Schauen Sie sich Indien an. Das Land gibt zwar viel für höhere Bildung aus, aber viel zu wenig für die Grundausbildung. Für die ärmere Bevölkerung ist es deshalb schwer, vom Internet zu profitieren. Dem gut ausgebildeten Inder hingegen nutzt die neue Technologie in besonderem Maße. Das sieht man auch daran, dass es in Indien seit kurzer Zeit neue Millionäre gibt. Die Softwareexporte explodieren. Weil aber nicht alle Inder dadurch gewinnen, bedeutet das zwingend, dass die Grundausbildung verbessert werden muss.

Welchen Stellenwert hat Bildung?

Jeder muss Zugang zur Grundausbildung haben. Das verbessert erstens die Lebensgrundlage, zweitens steigen damit die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und drittens erlaubt Bildung auch eine bessere Teilhabe am politischen Leben. Bildung befähigt die Armen grundsätzlich, sich besser zu artikulieren und ihre Rechte einzufordern. Ganz entscheidend ist es auch, dass Mädchen besser ausgebildet werden.

Viele der gut ausgebildeten indischen Internet-Experten werden abgeworben. Deutschland sucht händeringend solche Leute. Schadet es Ländern wie Indien, wenn die besten der Besten das Land verlassen?

Es schmerzt immer, wenn die Experten gehen. Aber alles in allem ist es für Indien nicht so schlimm. Denn die Fachleute kommen oft wieder zurück; nicht zuletzt deshalb, weil sie heute auch in Indien sehr gut leben können. Zum ersten Mal kann man in Indien so viel verdienen wie in den USA oder Deutschland. Viele unserer indischen Internetfirmen wurden von Spezialisten gegründet, die einmal im Silicon Valley gearbeitet haben. Aber auch wenn die Fachkräfte im Ausland bleiben, unterstützen sie Indien doch. Außerdem inspiriert der Erfolg derjenigen, die im Ausland arbeiten, viele junge Inder zu Hause. Das Internet hat Indien eine noch nie dagewesene Dynamik beschert. Um die Leute, die am Internet-Boom verdienen, muss man sich also keine Sorgen machen. Ich denke aber an diejenigen, die an der Entwickung nicht teilhaben können.

Sie erwähnten die jüngsten Kurseinbrüche an den Börsen. Die internationalen Finanzmärkte bekommen immer größere Macht. Muss die Staatengemeinschaft eingreifen?

Man kann diesen Markt nicht regulieren. Der Staat könnte aber an anderer Stelle einschreiten. Er könnte eine Steuer auf Kapitaltransaktionen erheben. Die so genannte Tobin-Steuer. Auf diese Weise könnte die Staatengemeinschaft dafür sorgen, dass eine so wichtige internationale Institution wie die Vereinten Nationen, die so dringend Geld braucht, unterstützt wird.

Warum gerade die Vereinten Nationen?

Um eines klar zu stellen, ich bin für freien Welthandel, aber ich bin auch für eine faires Kräfteverhältnis in der Welt. Die Wirtschaftsordnung kann man nicht ändern. Aber wir brauchen mehr Fairness; mehr Chancengleichheit, eben eine gerechtere Verteilung von politischer und sozialer Mitsprache. Die Vereinten Nationen können hier helfen. Die Organisation kann Entscheidendes bewegen. Doch dazu fehlt ihr seit Jahren das notwendige Geld. Hier sollte man ansetzen, anstatt gegen die Globalisierung zu protestieren.

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