Amazon startet Musik-Streaming-Dienst "Echo" : "Alexa, wie heißt dieser Song?"

Amazon startet mit seinem Musik-Streaming-Dienst durch – „Echo“ heißt ein neues Gerät, das Sprachbefehle erkennt.

Jörg Seewald
Ein Lautsprecher vom Typ "Echo" im Amazon Buchladen, in dem man neben Büchern auch Elektronikgeräte kaufen kann.
Ein Lautsprecher vom Typ "Echo" im Amazon Buchladen, in dem man neben Büchern auch Elektronikgeräte kaufen kann.Foto: dpa

Die Karten für den Verkauf von Musiktiteln in Deutschland werden ab heute neu gemischt. Die Internet Verkaufsplattform Amazon, die schon längst selbst zum Anbieter von Waren und Dienstleitungen geworden ist, startet zum Großangriff auf die Kundschaft von Streaming-Diensten und versucht mit Hilfe eines relativ neuen Endverbrauchergeräts namens „Echo" neue Kundenschichten zu gewinnen. „Die Nutzer von unserem heute neu startenden Service Amazon Music Universal werden etwas älter sein", sagt Rene Fasco, Head of Music von Amazon Music Deutschland und erläutert, „also zwischen 25 und 45 Jahre".

Damit weitet sein Arbeitgeber die Kampfzone aus, die bislang Platzhirsch Spotify nahezu unbedrängt besetzt hielt. Über 40 Millionen Benutzer weltweit können sich aus etwa 40 Millionen Musiktiteln bedienen zu einem Durchschnittspreis von 10 Euro im Monat oder kostenlos – dann aber unterbrochen von Werbeeinblendungen. Kaum noch ein Jugendlicher, der nicht die entsprechende App auf seinem Smartphone hat und sich seine Musik „streamt". Amazon hatte dagegen mit seinem bisherigen Angebot für Prime-Mitglieder von nur zwei Millionen Titeln das Nachsehen.

Das soll sich jetzt ändern. Denn befeuert durch das vor zwei Jahren eher zufällig entdeckten „intelligenten" Wiedergabegerät „Echo" – es enthält die intuitive Sprachsteuerung „Alexa" – kann sich Amazon vor freundlichen 5-Sterne-Bewertungen kaum noch retten. Seitdem sollen in den USA und England, wo der Echo und Alexa schon seit 12. Oktober am Start sind, über 30000 dieser Top-Bewertungen eingegangen sein. In Deutschland ist es augenblicklich noch recht übersichtlich, was Alexa so leistet: Hierzulande kann man sagen: „Alexa, spiele Helene Fischer" und sie wird eine Playlist mit den beliebtesten Songs des Schlagerstars starten.

Die Streamingnutzung habe seit Jahresbeginn um 88 Prozent zugenommen

Sogar eine Erklärung der Künstler zu den eigenen Songs soll über die Funktion „backstage" möglich sein. Alexa gibt auf die Frage „Alexa, wie heißt dieser Song?" immer eine Antwort. Rene Fasco bittet um Nachsicht, wenn zum Start noch nicht alle Befehle perfekt befolgt werden, verspricht aber, dass nach und nach die Einfühlsamkeit von Echo und Alexa immer besser werde. Dann kann man sagen: „Alexa spiele traurige Musik" und der Apparat macht das dann. Tatsächlich sei es aber nicht so leicht, die aus dem Englischen bekannten Befehle ins Deutsche zu übertragen. Dennoch ist man bei Amazon sicher, zur richtigen Zeit auf das richtige Pferd zu setzen. Die Streamingnutzung habe seit Jahresbeginn um 88 Prozent zugenommen und sei gerade in Deutschland noch unterentwickelt im internationalen Vergleich, sagt Fasco. Wenn man jetzt mit neuem Werkzeug nicht nur die Smartphone-Benutzer an sich binde, sei das allemal ein lohnendes Geschäft.

Um auch wirklich auf die Bedürfnisse der deutschen Nutzer eingehen zu können, hat Amazon eine eigene Münchner Musikredaktion für den Streaming-Dienst ins Leben gerufen, die unter Leitung von Axel Barton (36) – bis Juni 2016 Musikchef bei Antenne Bayern – ständig neue Musiklisten (zum Ausspannen, zum Wohlfühlen…) zusammenstellt. Neben dem Antenne-Bayern-Mann sollen auch DJ's und Musikredakteure ihres Amtes walten. Wie groß diese Redaktion ist, erfährt man von Amazon allerdings genauso wenig wie die Zahl der Echos, die zum Preis von 179 Euro zum Verkauf bereit stehen, oder die Vergütung, die die Künstler für das Streamen ihrer Titel von Amazon erhalten. Schließlich war ja auch spotify schon von Musikern wie Thom Yorke (Radiohead) und Taylor Swift kritisiert worden, weil die der Meinung sind, dass im besten Fall 0,164 Cent pro Abspielvorgang an die Künstler gingen und diese damit ihrer Existenz beraubt werden.

Deshalb stellten sie ihre Alben spotify nicht zur Verfügung, was nun auch für Amazon Music Unlimited gilt, die auf Musik der Toten Hosen, der Ärzte und Herbert Grönemeyers verzichten müssen, „weil die das grundsätzlich nicht wollen". Dafür hat sich das Unternehmen aber den gesamten Katalog des Europa-Labels gesichert, was eine Komplettversorgung mit „Bibi und Tina"-Hörspielen oder „Die drei Fragezeichen" und „TKKG" garantiert. Auf die Frage nach den Nachrichten antwortet Alexa mit einer 100 Sekunden-Ausgabe der „Tagesschau".

Rene Fasco glaubt nicht, dass Amazon Music Unlimited jetzt auch noch bei den über 30-Jährigen den Tonträgerverkauf zum Stillstand bringt. „Im besten Fall entdecken sie übers Streaming eine Musik, die ihnen so wichtig ist, dass sie sie auch auf Vinyl oder CD haben wollen und dann bei uns bestellen." Letztlich könnte die Musik so auch ein Werkzeug sein, an neue Kunden zu kommen.

Entsprechend hat auch die Preisgestaltung des neuen Service seine Eigenheiten. Nach einem kostenlosen Probemonat kostet Amazon Music Unlimited für Amazon prime Kunden 7,99 Euro im Monat oder bei einem Jahresabo nur 79 Euro. Nicht-Mitglieder bezahlen 9,99 Euro im Monat. Wer nur mit dem 179 Euro teuren Echo den Musikdienst nutzt, zahlt sogar nur 3,99 Euro monatlich. Ein Familien-Abo für bis zu sechs Mitglieder zu 14,99 pro Monat oder 149 Euro im Jahr zur Nutzung auf allen Geräten soll bald folgen.

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