Wirtschaft : „Amerika hat Geld, Frankreich Köpfchen“

Der US-Ökonom Steve Hanke über die langfristigen Folgen des Irak-Krieges für die Weltwirtschaft

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Herr Hanke, ist der Krieg Schuld daran, dass die USKonjunktur nicht in Schwung kommt?

Nein. Wir leiden immer noch unter den Folgen des Booms der 90er Jahre. Damals hat die Wirtschaft überinvestiert – unter anderem, weil die Zentralbank die Zinsen viel zu stark gesenkt hat. Als Resultat haben wir jetzt Überkapazitäten in der Wirtschaft, und die Unternehmen haben keinen Anreiz zu investieren. Es wird lange dauern, bis wir das Problem hinter uns gelassen haben.

Und der Krieg?

Mit dem Wegfall des Kommunismus haben wir das Verteidigungsbudget massiv reduziert. Jetzt wird der Haushalt des Pentagon explodieren und zu einem grundlegenden Wandel in der Budgetsituation führen. Der erste Golfkrieg wurde zu großen Teilen von den Japanern und den Deutschen subventioniert. Dieses Mal ist das anders.

Was wird der Krieg denn kosten?

Es ist sehr schwierig, eine realistische Schätzung abzugeben. Die Erfahrung zeigt aber: Am Ende unterschätzen alle Ausgaben-Prognosen die tatsächlichen Kosten. Besonders die Zahlen des Pentagon sind in der Realität meistens dreimal so hoch.

Ist der Krieg eine Gefahr für die US-Wirtschaft?

Ja. Selbst wenn er schnell beendet wird, werden viele neuer Unsicherheiten entstehen.

Welche?

Wir haben keine klare Vorstellung von den Plänen der Bush-Regierung, besonders für den Mittleren Osten. Die Regierung hat diese neokonservativen Ideen, dass die USA sich im ganzen Mittleren Osten verteilen und ihn kontrollieren sollen. Das wird zu enormen Unsicherheiten in der Wirtschaft führen.

Die US-Regierung sagt, dass die Unsicherheiten mit Beginn des Krieges geringer werden.

Vielleicht ist die Unsicherheit in Bezug auf den Irakkrieg verschwunden. Aber nach dem Irakkrieg stellen sich die wirklich entscheidenden Fragen: Was ist Amerikas großer Plan in der Region? Keiner weiß das.

Was ist mit den Vereinten Nationen – werden die USA sie bei künftigen Plänen wieder mit einbeziehen?

Wahrscheinlich wird es so: Wenn die USA meinen, es hilft ihnen, die UN zu fragen, werden sie das tun. Aber sie könnten die UN auch ignorieren. Die UN war dieses Mal irrelevant. Der US-Präsident hat selbst gesagt, er kümmert sich nicht darum, was die UN sagt, er zieht so oder so in den Krieg. Der Sicherheitsrat war nur ein Nebenschauplatz.

Was bedeutet der diplomatische Streit für die weitere Entwicklung?

Kurzfristig werden die Franzosen die großen Gewinner sein, glaube ich. Ihr internationales und diplomatisches Ansehen war immer schon ziemlich hoch. Aber jetzt wird es richtig nach oben schnellen.

Welche Folgen wird das haben?

Lassen Sie mich das an einem konkreten Beispiel erklären: Lateinamerika. Da gibt es historisch eine Spannung zwischen den USA, die Lateinamerika kontrollieren wollen, und Brasilien, das dasselbe Ziel verfolgt. Brasilien hat schon immer dazu geneigt, sich mehr nach Europa zu orientieren, vor allem hin zu Frankreich. In Bezug auf den Krieg stehen die meisten Länder Lateinamerikas auf der Seite Frankreichs. Der Krieg hat auf dem südamerikanischen Kontinent starke antiamerikanische Gefühle hervorgerufen. Die lateinamerikanischen Länder werden sich jetzt alle hinter Frankreich stellen. Das Ergebnis sind wirtschaftliche Spannungen und Probleme.

Wie werden die aussehen?

Die Verhandlungen über bilaterale Handelsabkommen und neue Freihandelszonen werden für die USA viel schwieriger werden.

Die wirtschaftliche Macht der USA ist doch so groß, dass sich Länder wie Brasilien gar nicht erlauben können, sich abzuwenden.

Dieser Wandel verneint nicht die Tatsache, dass die USA eine große Wirtschaftsmacht sind. Aber die Dinge werden sich bedeutend ändern, wenn die USA nach dem Irak ihre zweite Expansionsphase im Mittleren Osten einleiten. Die diplomatischen Spannungen werden sich erhöhen.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Das wird im Handel zu Schwierigkeiten führen. In der Welthandelsorganisation wird es eine Tendenz geben, dass sich Leute der US-Position in vielen Dingen widersetzen. Die Handelsbeauftragten Robert Zoellick und Pascal Lamy werden ihre Arbeit künftig schwieriger finden, als sie es sich jemals vorgestellt haben. Die Prozesse werden jetzt nuancierter werden, mit viel französischer Diplomatie. Es ist die alte Geschichte: Die USA haben das Geld, Frankreich hat das Köpfchen.

Ist das der Anfang vom Ende der wirtschaftlichen Vormachtstellung Amerikas?

Nein. Die USA werden mit ihrer wirtschaftlichen Muskelkraft einfach weiter voranziehen. Selbst die europäischen Länder sind jedes für sich genommen verglichen mit den USA nicht groß und machtvoll genug, auch Deutschland und Frankreich nicht. Die US-Wirtschaft ist die größte Marktwirtschaft in der Welt. Sie ist nicht nur groß, sondern auch frei und deshalb dynamisch. Alle Probleme, die Deutschland gerade mit der sozialen Marktwirtschaft und den Starrheiten hat, gibt es in den USA in dem Maße nicht.

Was bedeuten die von ihnen erwarteten Probleme für die Welthandelsorganisation und die Doha-Runde?

Die Doha-Runde ist in Gefahr. Man muss immer daran denken, dass die Bush-Regierung sich nur um eines sorgt: Die neue Ordnung, die im Mittleren Osten anfängt. Alles andere ist zweit- oder drittrangig.

Auch der Freihandel?

Ja. Das haben wir schon vor ein paar Wochen gesehen. Als Pakistan sich bereit erklärt hat, bis zu einem gewissen Maß mit den USA zu kooperieren, haben die USA die Zölle auf pakistanische Teppiche gesenkt. Weil die Türkei nicht mitgemacht hat, haben sie keine Zollerleichterungen bekommen.

Was ist mit den internationalen Institutionen?

Ich glaube nicht, dass es in der Weltbank und im IWF zu großen Spannungen deswegen kommen wird. Die USA leiten diese Institutionen sowieso.

Die Globalisierung aber nicht.

Die Globalisierung wird sich vermutlich verlangsamen, vor allem durch die Schwierigkeiten im Bereich Handel.

Befinden wir uns am Beginn einer neuen Ära?

Das ist das, was die USA wollen. Wie weit sie damit kommen werden, wird sich zeigen.

Das Gespräch führte Sandra Louven.

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