Wirtschaft : Amerikaner exportieren ihre Probleme Schwacher Dollar verschafft der US-Regierung Luft

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New York (tor/HB). John Snow liebt keine verbalen Schnellschüsse. Was der amerikanische Finanzminister sagt, ist kalkuliert. Ebenso wie das, was er nicht sagt. Bei seinen Äußerungen der vergangenen Tage zum Verfall des USDollars hat Snow eine Formulierung ganz bewusst vermieden: „Ein starker Dollar ist im nationalen Interesse der USA.“

Dieser Satz von Ex-Finanzchef Robert Rubin definierte fast ein Jahrzehnt die Haltung der US-Regierung zum Greenback. Mit seinem beredten Schweigen hat Snow den Grundsatz quasi auf den Kopf gestellt: Jetzt ist ein schwacher Dollar im nationalen Interesse Amerikas. Die Devisenmärkte haben die neue Dollar-Politik sofort erkannt und den Greenback weiter auf Talfahrt geschickt.

Für die USA kommt der Verfall ihrer Währung zur rechten Zeit. Amerika kann nicht nur mehr Güter ins Ausland verkaufen, das eigene Wachstum stärken und sein riesiges Loch in der Leistungsbilanz stopfen. Die USA exportieren mit einem schwachen Dollar nach Meinung vieler Europäer auch ihr größtes Problem: eine drohende Deflation.

Ganz anderer Meinung ist Adam Posen vom Institute for International Economics (IIE) in Washington: „Die Deflation in Japan und Deutschland ist hausgemacht. Der schwache Dollar signalisiert nur, dass die USA nicht länger bereit sind, die Probleme der anderen zu lösen.“ In den Äußerungen Snows sieht Posen eher eine Wahlkampfhilfe für den mit der Wirtschaftsflaute kämpfenden US-Präsidenten. Er glaubt nicht an eine Deflationsgefahr. „Die US-Notenbank (Fed) hat die Gefahr rechtzeitig erkannt und mit massiven Zinssenkungen gegengesteuert.“

Bei der Fed ist man sich offenbar nicht ganz so sicher. Das Horrorszenario Japans im Kopf warnten die Fed-Gouverneure kürzlich vor der Gefahr zu niedriger Inflationsraten. Seitdem hat sich die Lage zugespitzt. Die Produzentenpreise sind im April auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gefallen, auch die Verbraucherpreise sinken. Ob beim Autokauf, bei den Wohnungsmieten oder im Restaurant – überall ist der Preisdruck zu spüren. Der Grund sind die im Boom aufgebauten Überkapazitäten, mit denen die Nachfrage nicht Schritt halten kann.

Die Notenbank hat die Leitzinsen in den USA bereits auf 1,25 Prozent gedrückt. Viel Munition bleibt also nicht mehr, um die Nachfrage zu beleben. Unter null kann der Zins nicht sinken. Fed-Chairman Alan Greenspan hat deshalb prüfen lassen, mit welchen „unkonventionellen“ Mitteln die Zentralbank der Wirtschaft unter die Arme greifen kann. Nachgedacht wird etwa darüber, mit dem Ankauf von Staatsanleihen Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen. „Nach dem Krieg (gegen die Inflation) müssen wir nun den Frieden gewinnen“, sagte Fed-Vize- Chairman Roger Ferguson kürzlich. Eine wirkliche Deflationsgefahr in den USA sieht jedoch auch er nicht.

Zur Beruhigung trägt auch der schwache Dollar bei. Müssen die Amerikaner für Importe mehr zahlen, schützt das vor einem Preisverfall nach unten. Für Europa und Japan ist das ein schwacher Trost, sagt Robert Sinche, Währungsexperte der Citibank: „Bislang kam die Nachfrage hauptsächlich aus den USA. Jetzt muss der Rest der Welt mehr für das eigene Wachstum tun.“

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