• Amerikaner vergrößern Abstand zu Europa US-Bürger produzieren im Schnitt ein Drittel mehr als Deutsche/EZB-Präsident Duisenberg besorgt über Inflation

Wirtschaft : Amerikaner vergrößern Abstand zu Europa US-Bürger produzieren im Schnitt ein Drittel mehr als Deutsche/EZB-Präsident Duisenberg besorgt über Inflation

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Frankfurt (Main)/Brüssel (ro/dpa). Die Wohlstandsunterschiede zwischen den USA und dem Euro-Raum sind bei weitem nicht so groß, wie es die Wachstumsraten der vergangenen fünf Jahre ausdrücken. Gemessen an der Pro-Kopf-Betrachtung ergibt sich nach Angaben der Bundesbank „nur“ ein Unterschied von einem Viertel Prozentpunkt. Dagegen war das Wirtschaftswachstum zwischen 1996 und 2001 in den USA mit durchschnittlich 3,6 Prozent um 1,2 Prozentpunkte höher als in Euroland.

Trotzdem ist dies nach Ansicht der Bundesbanker kein Ruhmesblatt für Europa. „Es ist kein Zeichen von wirtschaftlicher Stärke des Euro-Raums, dass sich der Rückstand gegenüber den USA überhaupt vergrößert hat“, schreiben die Notenbanker im Monatsbericht Mai. Nach ihren Angaben lag das reale Netto-Inlandsprodukt pro Kopf in den USA im vergangenen Jahr bei knapp 28700 Dollar – fast die Hälfte mehr als im Euro-Raum und ein Drittel mehr als in Deutschland.

Dass die USA ihren Vorsprung weiter vergrößert haben, führt die Bundesbank vor allem auf die Probleme und Einengungen auf dem Arbeitsmarkt in Europa und auf die langsamere Durchsetzungskraft neuer Technologien dort zurück. Der Beitrag des Faktors Arbeit zum Wirtschaftswachstum habe seit 1996 in den USA vier Mal so hoch gelegen wie in Europa. Die Arbeitsmärkte in Euroland seien zu inflexibel, die strukturelle Arbeitslosigkeit zu hoch. Neue Technologien – vor allem im Computerbereich – hätten von 1995 bis 2000 in den USA knapp einen Prozentpunkt zum Wachstum beigetragen. In Europa war es nur ein Viertel Prozentpunkt. Ursache für die schleppendere Durchsetzung neuer Technologien seien ebenfalls Beschränkungen am Arbeitsmarkt, Mangel an Risikokapital und hohe bürokratische Hürden bei Neugründungen. Der Wachstumsunterschied zwischen den USA und Europa werde allerdings überzeichnet, schreibt die Bundesbank – durch unterschiedliche statistische Verfahren etwa bei Preismessung, Abschreibungen und Anlageinvestitionen.

Die Wirtschaftslage in Deutschland betrachtet die Bundesbank mit Zurückhaltung. Die gegen Ende 2001 erkennbare Stabilisierung sei zwar in eine Erholungsphase eingemündet. Im ersten Quartal sei die Wirtschaft im Vergleich zum vierten Quartal des Vorjahres um etwa 0,25 Prozent gewachsen. Eine stabile Basis gebe es aber noch nicht, schon kleinere Störungen könnten zu einem Rückschlag führen. Als Risiken betrachtet die Bundesbank vor allem den Ölpreis und den weiteren Verlauf der Tarifverhandlungen. Weiterhin kämen Impulse durch den Export, die Inlandsnachfrage sei schwach.

Weltweit wurde die Erholung der Konjunktur nach Ansicht der Bundesbank von den USA eingeleitet. Allerdings gebe es dort viele Schwachstellen, die neben der Nahost-Krise eine große Gefahr für die Weltkonjunktur sein könnten. Dies gelte für die Investitionen wie auch den privaten Verbrauch, dessen Schubkraft nicht überschätzt werden dürfe. Auch das hohe US-Leistungsbilanzdefizit und die wachsenden protektionistischen Tendenzen der USA seien ein „beachtliches Risiko für den globalen Aufschwung".

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, hat unterdessen die jüngste Entwicklung der Inflationsrate in der Euro-Zone zurückhaltend beurteilt. Vor dem Währungsausschuss des EU-Parlaments sagte er, die Entwicklung sei weniger günstig verlaufen als angenommen. Mitverantwortlich dafür sei der gestiegene Ölpreis.

Zu Jahresbeginn sei erwartet worden, dass die Inflationsrate im Verlauf des Jahres 2002 sicher unter der „Warnschwelle“ von zwei Prozent liegen würde. Jetzt könnte sie „etwas höher“ liegen, sagte Duisenberg. „Der Ausblick auf die Preisentwicklung scheint jetzt etwas weniger günstig zu sein als zum Jahreswechsel.“ Preisstabilität hänge stark von einer moderaten Lohnpolitik ab. Auch müssten die Preise für Dienstleistungen sehr genau beobachtet werden.

Zu den Zinsplanungen seines Hauses sagte Duisenberg lediglich: „Geldpolitik kann die Inflationsentwicklung nicht kurzfristig beeinflussen, aber wir werden das Erreichte keinem Risiko aussetzen.“ Unsicherheiten gebe es auch hinsichtlich der Stärke des zu erwartenden Konjunkturaufschwungs, teilweise wegen der Ölpreise. Der EZB-Präsident ermahnte alle Länder der Euro-Zone, ihre Verpflichtungen für einen ausgeglichenen Haushalt bis 2003 oder 2004 zu erfüllen.

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