Wirtschaft : Amerikanische Dollar-Rhetorik verwirrt die Märkte

US-Finanzminister bekräftigt: Währungskurse sollten vom Markt bestimmt werden/Zweifel an der Politik des starken Dollars

Walter Pfaeffle

New York. US-Finanzminister John Snow sorgt mit Äußerungen zum aktuellen Dollar-Kurs für Aufregung an den internationalen Finanzmärkten. Devisenhändler und Volkswirte rätseln, welchen währungspolitischen Kurs die Bush-Administration einschlägt und ob die US-Regierung möglicherweise einen schwachen Dollar fördert, um die Konjunktur anzukurbeln.

Währungskurse, so betonte Snow am Dienstag (Ortszeit), sollten von den Märkten bestimmt werden und nicht durch Interventionen. Mit dieser Selbstverständlichkeit relativierte er Äußerungen vom Wochenanfang: In einem Interview hatte Snow auf die Frage eines Fernsehjournalisten, ob der aktuell niedrige Dollarkurs den US-Export ankurble, gesagt, der Dollarkurs sei durchaus hilfreich, die amerikanischen Ausfuhren nähmen zu. Snows an sich harmlose Erklärung löste einen Euro-Höhenflug aus und drückte den US-Dollar auf ein Vierjahrestief.

An den Finanzmärkten wird spekuliert: Hält die US-Administration an ihrer erklärten und von Bushs Vorgänger Bill Clinton betriebenen Politik des starken Dollars fest? „Wir wollen eine Währung, deren Kurs vom offenen Wettbewerb am Markt bestimmt wird“, betonte Snow am Dienstag vor Abgeordneten in Washington. „Ich denke, dies ist generell die beste Währungspolitik“, sagte er. „Wir haben eine Politik des starken Dollar, und wir hatten sie stets in dieser Regierung und der Vorgänger-Regierung.“ Snow fügte hinzu, es gebe keine bewusste Politik, den Dollarkurs zu bewegen. Währungskurse sollten die Wirtschaftskraft widerspiegeln und nicht von Interventionen am Devisenmarkt künstlich hoch oder niedrig gehalten werden, sagte Snow. An den Märkten kam die Botschaft des Finanzministers indes nicht an: Der Dollar gab zunächst weiter nach.

„Heikle Sprache der Dollar-Politik“

Seit Ende der achziger Jahre äußern sich grundsätzlich nur der Präsident und sein Finanzminister zum Dollar – und dies nur sehr selten. Aus diesem Grund wurden Snows Aussagen in manchen Kreisen als Indiz für eine Politikwende gewertet, obwohl sie wahrscheinlich so nicht gemeint waren. „Snow sollte seinen Vorgänger Paul O’Neil ablösen, der ein loses Mundwerk hatte, er hat jedoch die heikle Sprache der Dollar-Politik noch nicht im Griff“, kommentierte das „Wall Street Journal“.

Fest steht jedoch, dass die US-Konjunktur sowohl von einem schwächeren Dollar als auch von der Regierungspolitik, die einen starken Dollar bevorzugt, profitiert. Ein schwacher Greenback verbilligt US-Produkte im Ausland und bekämpft die Deflation, weil die Preise der Einfuhren steigen. Andererseits beruhigt die Rhetorik der Dollarstärke die Finanzmärkte. Aus historischer Sicht ist der Dollar in seiner Substanz jedenfalls nicht bedroht. Es gebe keine Dollar-Krise wie zu Zeiten des US-Präsidenten Carter, der die Währung 1978 stützen wollte, schreibt die „New York Times“. Zwar ist der Dollar zum Euro seit Jahresbeginn um 9,1 Prozent gefallen und um 27,5 Prozent seit seinem Höchststand im Juli 2001. Nimmt man jedoch wie die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) die Währungen von 27 Ländern als Maßstab, hat der Dollar seit Anfang 2003 nur 3,7 Prozent verloren und 6,4 Prozent seit Juli 2001.

Außerdem erfolgt der Dollarverfall, der mehr Inflation ins Land bringt, zu einer Zeit, da die Inflation praktisch nicht existiert und die Zinsen so tief gefallen sind wie seit 40 Jahren nicht mehr. Deflation stellt deswegen für die Fed die größere Gefahr dar. „Momentan sehe ich in einem schwächeren Dollar nichts Negatives“, sagt Ed Yardeni, Chefstratege beim Finanzdienstleister Prudential.

Die größte Belastung des Dollar geht im Urteil der Experten von dem 500 Milliarden Dollar hohen Defizit in der US-Leistungsbilanz aus, von den tiefen Zinsen und von Zweifeln an einer baldigen wirtschaftlichen Erholung der USA. Eine Fortsetzung der Dollar-Talfahrt wird nicht ausgeschlossen. Nur Klagen europäischer Finanzminister und Notenbankchefs über die negativen Auswirkungen des starken Euro auf die wirtschaftliche Erholung in der Euro-Zone würden die Dollar-Schwäche bremsen, meint Larry Kantor von der Barclays Bank. Gekoppelt mit Zinssenkungen der EZB werde der Dollar dann möglicherweise Boden finden.

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