Wirtschaft : Amerikas Ärmste

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In einem Wettbewerb zwischen Europa und Amerika um das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf könnte nur das winzige Luxemburg mit den reichsten USBundesstaaten mithalten. Der Großteil der anderen EU-Länder liegt dagegen unter dem US-Durchschnitt. Selbst vergleichsweise arme Bundesstaaten wie Arkansas und Montana schneiden bei dem Test nur wenig schlechter ab als die europäischen Schwergewichte Frankreich, Deutschland und Italien.

Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt die Untersuchung „EU versus USA“, die das schwedische Forscherteam Timbro unter Leitung der Wirtschaftswissenschaftler Fredrik Bergström und Robert Gidehag jetzt vorgelegt hat. Die Experten räumen ein, dass sich mit dem Bruttoinlandsprodukt nicht alle Stärken einer Volkswirtschaft messen lassen. Auch bei immateriellen Vorzügen wie etwa der Freizeitqualität oder den Vorteilen einer gleichmäßigen Verteilung des Wohlstandes versagt die Kennzahl.

Doch abgesehen von solchen Einwänden sprechen die Zahlen für sich: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag in den USA im Jahr 2000 sagenhafte 32 Prozent über dem Durchschnitt aller EU-Länder. Und Europa hat sich seitdem nicht verbessert. Würde man das Wachstum der US-Wirtschaft auf dem Stand von 2000 einfrieren, bräuchten die EU-Staaten bei Zugrundelegung ihrer jährlichen Wachstumsprognosen immer noch lange, um mit der Wirtschaftskraft der USA gleichzuziehen. Während Irland dies bis 2005 und damit noch am ehesten gelingen würde, würden Deutschland und Spanien bis 2015 brauchen. Schweden und Portugal würden erst im Jahr 2022 zur stagnierenden US-Wirtschaft aufschließen.

Aber was ist mit all den verarmten Bevölkerungsgruppen in den USA – ein Thema über das die Europäer so gern sprechen? Eine hohe Wirtschaftskraft ist das beste Mittel gegen Armut: Von 1959 bis 1999 ist die Zahl der US-Haushalte mit „niedrigem Einkommen“ – gemeint sind weniger als 25 000 Dollar im Jahr – von 25 auf zwölf Prozent gesunken. Legte man diesen Maßstab bei Schweden an, dem Modell des europäischen Sozialstaates, fielen 40 Prozent der Haushalte in diese Kategorie.

Warum entwickelte sich Europas Wirtschaft in den vergangenen 30 Jahren so schleppend? Hier verweisen die Wissenschaftler auf einen grundlegenden Unterschied zu den USA: Die Ausdehnung des politischen Bereichs im Allgemeinen und durch Steuern und die Größe des staatlichen Sektors im Besonderen. Das Steueraufkommen erreichte 1999 in Europa mehr als 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in den USA nicht einmal 30 Prozent. Wie schlecht es um Europa steht, „wollen die Herren Chirac, Schröder und Berlusconi wahrscheinlich lieber nicht wissen“, schreiben die Autoren.

Wenn sich Europa also das nächste Mal zu moralischer Überlegenheit gegenüber der US-Wirtschaftspolitik aufschwingt, sollte Washington nur kurz erwidern: „Lasst uns bei den Fakten bleiben.“

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