Wirtschaft : Amerikas klassische Orchester sind moll gestimmt

Der Börsencrash und das veränderte Verhalten des Publikums haben die hoch gelobten Sinfoniehäuser in die Finanzkrise gestürzt

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Von Robert J. Hughes

Das Cleveland Symphony Orchestra hat im vergangenen Monat seine sonntägliche Rundfunksendung aufgegeben. Damit wird eine fast vierzigjährige Tradition geopfert. Aus Geldnot. Das Orchester kämpft gegen ein Budgetdefizit von 1,3 Millionen US-Dollar (1,32 Millionen Euro) an. In Houston hat das Sinfonieorchester sein „Casual Classics“-Programm, die Kammermusik und zwei Mozart-Konzerte gestrichen – in der vergangenen Woche hat es seine Musiker bitten müssen, eine Gehaltskürzung um 13 Prozent hinzunehmen. Beim Milwaukee Symphony Orchestra sagt der geschäftsführende Direktor Steven Ovitsky, man suche jetzt, „Stücke aus, in denen nicht viele zusätzliche Musiker benötigt werden".

Quer durch die Vereinigten Staaten stimmen sich die hoch gelobten Sinfonieorchester auf weniger Konzerte, kleinere Veranstaltungen und verkürzte Spielzeiten ein. Die bis vor kurzem als beispielhaft auch für europäische Orchester der ersten Liga gefeierten Ensembles leiden unter wachsenden Finanzproblemen. Das veränderte Verhalten des Publikums und die Folgen der fallenden Aktienkurse für die Geldgeber haben die klassische Musik schwer getroffen. Fast ein Dutzend Sinfonieorchester der USA schreiben rote Zahlen im sechsstelligen Bereich.

Das finanzielle Umfeld hat sich „entscheidend zum Schlechteren gewendet“, sagt Marian Godfrey, Direktorin des Kulturprogrammes des Pew Charitable Trusts in Philadelphia, der einer der größten Kunstsponsoren im Land ist. Das Haushaltsdefizit kam völlig überraschend zu einer Zeit, in der die Besucherzahl konstant ist und in manchen Sälen sogar steigt. Das Philadelphia Orchestra und Kaliforniens San Jose Symphony zum Beispiel spielten im vergangenen Jahr weitgehend vor ausverkauften Häusern, haben dennoch ein Defizit von einer Million und mehr.

Das wirft die Frage auf, ob ökonomische Prinzipien in der hohen Kunst noch gelten. In den späten 90er Jahren schien die Klassik nahe daran zu sein, eine ganze neue Generation von Fans zu gewinnen. Die florierende Wirtschaft führte zu ehrgeizigen Programmerweiterungen, neuen Konzertsälen und populären Veranstaltungen, in denen auch mal Bach mit den Beatles kombiniert wurde.

In der Saison 2000/2001, die letzte, für die es Zahlen gibt, gab es nach Angaben der American Symphony Orchestra League 32 Millionen Zuschauer, 16 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Dennoch machten „die Einnahmen aus den Aufführungen bei den hundert größten Orchestern nur etwa 38 Prozent des Einkommens aus“, sagt Jack McAuliffe, Vizepräsident der Vereinigung. Diese Einnahmestruktur werde problematisch, wenn die anderen Einnahmequellen – Stiftungsgelder, staatliche Hilfen, Privatspenden und Zuwendungen von Unternehmen – unter heftigen Druck geraten, sagt McAuliffe.

Die Orchester haben in der Vergangenheit ihr Einkommen mit dem Verkauf von Konzertaufnahmen aufgebessert. Doch diese Einnahmequelle ist rückläufig – denn der Verkauf von klassischen CDs ist dramatisch zurückgegangen. Dazu kommt, dass sich die Musikliebhaber immer unberechenbarer verhalten. Die Konzerthäuser konnten sich bis vor kurzem noch auf den Abonnementsverkauf verlassen. Danach schätzten sie ihre jährlichen Betriebskosten und buchten Stargäste Monate oder gar Jahre im voraus. Doch heute kaufen die Musikliebhaber lieber Einzelkarten und die am liebsten in letzter Minute, jammern die Direktoren und Marketingleiter der Orchester.

Die Carnegie Hall in New York hat als eines der ersten Konzerthäuser deshalb jetzt ihre Werbestrategie komplett über den Haufen geworfen. Sie macht nicht mehr lange im voraus, sondern erst kurz vor der Aufführung Reklame für ein Konzert. Das aber reicht längst nicht, um das geänderte Kundenverhalten zu kompensieren. Robert Harth, geschäftsführender und künstlerischer Direktor der Carnegie Hall, sagt, dass man energisch da spare, wo das Publikum es nicht sehe: Man stelle für die Vorträge vor dem Konzert weniger Lautsprecher auf, um Kosten für Bühnenarbeiten zu sparen. In die Pressemappen werden weniger Fotos gesteckt – und neuerdings spare man selbst bei den Kugelschreibern.

Es gibt aber Lichtblicke. Die San Diego Symphony zum Beispiel hat sich von den schlimmsten Problemen erholt. Der Chef des IT-Unternehmens Qualcomm, Irwin Jacobs und seine Frau Joan, haben dem Orchester eine Spendenzusage in Höhe von 100 Millionen US-Dollar gemacht – und folgten damit einem beeindruckenden Spendenstrom, den das Orchester in den vergangenen Monaten eingeworben hat. Die St. Louis Symphony, die im vergangenen Jahr am Rande des Zusammenbruchs stand, hat es geschafft, 26 von 40 Millionen Dollar aufzubringen, die das Orchester braucht, damit die Familie von Jack Taylor, Gründer der Enterprise-Autovermietung, die Restfinanzierung übernimmt.

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Frankreich), Christian Frobenius (Handel), Matthias Petermann (Tories), Svenja Weidenfeld (Orchester) und Karen Wientgen (Rolls-Royce).

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