Wirtschaft : Amerikas Reiche zahlen immer mehr Steuern

DAVID WESSEL

Wie sich die boomende Konjunktur in den USA auf die Zahlungsbereitschaft auswirkt / Ein Beispiel für Europa?VON DAVID WESSELAls George Bush und Bill Clinton 1990 und 1993 Steuererhöhungen für die Reichen durchdrückten, glaubten viele konservative Republikaner, Wirtschaftswissenschaftler und Durchschnitts-Amerikaner, die Reichen würden schon einen Weg finden, wie sie die Steuererhöhungen umgehen könnten. Es scheint, als hätten sie unrecht.Reiche Amerikaner zahlen jetzt viel mehr Steuern.Tatsächlich ist eine unvorhergesehene Flut an Einnahmen von den besserverdienenden Steuerzahlern - insbesondere von solchen, die Aktienoptionen ausüben, kräftige Boni erhalten oder Aktiengewinne mitnehmen - ein gewichtiger Grund dafür, daß das US-Haushaltsdefizit verschwunden ist. Was geht da vor? Zum einen ging es denen, die die Steuererhöhungen von Clinton und Bush betraf, in den vergangenen Jahren extrem gut.1995 zählte die amerikanische Steuerbehörde 87 000 Erklärungen mit Einkommen von über einer Mill.Dollar, zwei Jahre zuvor waren es lediglich 66 500.Diese gutsituierten Amerikaner zahlten 1995 immerhin 18 Mrd.Dollar mehr Einkommenssteuer als 1993, ihr Gesamteinkommen stieg sogar um 57 Mrd.Dollar. Zum anderen scheinen die Reichen - entweder freiwillig oder weil die Gesetzgebung ihnen wenig Raum für altmodische Schlupflöcher läßt - ihre höheren Spitzensteuersätze nicht mehr zu meiden, obwohl diese für die "Super-Reichen" immerhin von 28 Prozent zu Beginn des Jahrzehnts auf 39,6 Prozent gestiegen sind."Steuererhöhungen haben die Besserverdienenden nicht sichtlich davon abgehalten, das zu tun, was nötig ist, um dieses Einkommen zu bekommen", sagt Joel Slemrod, Volkswirt an der University of Michigan, der sich auf das Gebiet Steuern für Reiche spezialisiert hat. Diejenigen, die viel arbeiten und gut verdienen, fühlen sich durch die gute wirtschaftliche Situation bestätigt."Sogar bei dem derzeitigen Steuerniveau wollen die meisten Leute soviel verdienen, wie sie können", meint der stellvertretende US-Finanzminister Lawrence Summers. "Nicht ganz", setzt der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Richard Armey, dagegen.Er ist einer der heftigsten Kritiker der Steuererhöhungen für die oberen Einkommensschichten.Der Republikaner aus Texas betont, daß die Befürworter der Erhöhung nicht sehen "was wir hätten, wenn wir nicht diesen Unsinn gemacht hätten" - eine noch stärkere Wirtschaft. Auf den ersten Blick scheint es, als hätte all das wenig Bedeutung für die meisten Europäer, die ohnehin viel höhere Steuerauflagen gewöhnt sind.Nach der strengen Fiskalpolitik der vergangenen Jahre, die dazu beigetragen hat, die europäischen Volkswirtschaften in eine Rezession zu treiben, überlegen sich die europäischen Regierungen allerdings, ihre Steuergesetze zu reformieren.Viele kommen zu dem Schluß, daß es der Wirtschaft schadet, den Besserverdienenden immer höhere Steuern aufzuerlegen, wenn sie gleichzeitig ihr Geld in Länder mit freundlicheren Steuergesetzen schaffen können. Der Wettbewerb um Talente und die wirtschaftliche Aktivität, die sich daraus ergibt - beispielsweise bei den Finanzdienstleistungen - ist ein Grund, warum Tony Blairs Regierung die Einkommenssteuer für die höheren Einkommensschichten in Großbritannien nicht erhöht hat.Es ist der gleiche Grund, der deutsche Politiker dazu bewegt, Steuersenkungen für höhere Einkommensschichten zu erwägen und gleichzeitig Steuerschlupflöcher zu schließen. Ähnliche Reformen gab es schon in den Vereinigten Staaten.Insgesamt zahlen die oberen fünf Prozent der amerikanischen Familien - die Schicht, deren Jahreseinkommen im Schnitt bei 250 000 Dollar liegt, die aber auch die Superstars aus Wirtschaft, Sport und Unterhaltung miteinbezieht - ungefähr 32 Prozent ihres Einkommens an Steuern, schätzt die Haushaltsbehörde des Kongresses.Das liegt ein ganzes Stück unter dem, was entsprechende Leute in anderen Industrieländern zahlen, vor allem in Kontinentaleuropa. Einige Finanzberater sagen, sie hören nur noch wenige Klagen."Die Typen mit dicken Gehaltsabrechnungen sind auch diejenigen, die eine Menge Aktienoptionen haben.Sie können förmlich zusehen, wie ihre Aktien immer höher klettern.Diese Leute scheinen nicht beunruhigt zu sein", sagt Paul Gordon, Chefberater bei der U.S.Trust Company. Lynn Hopewell, Finanzplaner in North Virginia, sieht das anders.Bei ihren Kunden hätten sich die Steuererhöhungen bemerkbar gemacht."Sie sind wütend weil sie sich unfair behandelt fühlen." Nennt es Neid oder nennt es Fairness, Nach einer Umfrage desWall Street Journals und des Senders NBC glauben immer noch 56 Prozent der Amerikaner, daß die Reichen noch nicht genug bezahlen.Sogar 43 Prozent derer, die mehr als 100 000 Dollar im Jahr verdienen, finden, die gut Verdienenden kommen bei den Steuern noch zu gut weg.Die Reichen zu schröpfen, ist eine amerikanische Tradition."Seit dem Entstehen der Republik", sagt der Historiker W.Elliot Brownlee von der University of California in Santa Barbara, "haben die amerikanischen Regierungen die Reichen nicht nur besteuert, um das Steueraufkommen zu erhöhen, sondern auch, um die soziale Ordnung zu erhalten".Während des Bürgerkriegs hat die Regierung die Steuern für die Reichen ungefähr verdoppelt, indem sie die erste stufenweise Besteuerung eingeführt hat.Herbert Hoover wollte während der tiefen Rezession den Bundeshaushalt ebenfalls durch die oberen Einkommensklassen ausgleichen.Er besteuerte im Jahr 1923 jeden Dollar ab einer bestimmten Einkommensgrenze mit 63 Prozent - der Versuch, den Haushalt auszugleichen, schlug dennoch fehl.Franklin Roosevelt setzte diesen Trend fort.Während des Zweiten Weltkriegs sagte er, daß kein Amerikaner ein Nettoeinkommen von über 25 000 Dollar haben sollte (umgerechnet auf heutige Zeiten etwa 250 000 Dollar).Der Kongress weigerte sich, dieser Empfehlung zu folgen.Als die Steuern für die mittleren Einkommensschichten angehoben wurden, kam dann doch eine Steuererhöhung, die den Spitzensteuersatz auf 82 Prozent für Einkommen von mehr als 200 000 Dollar festlegte.Roosevelt selbst hatte 1944 eine Steuererklärung von 109 832 Dollar und zahlte die Hälfte davon als Einkommenssteuer.Seine Frau Eleanor, wurde separat veranschlagt. Später stieg der Spitzensteuersatz sogar auf 91 Prozent - dort blieb er auch bis in die 60er Jahre.Allerdings gab es so viele Schlupflöcher, daß nur eine ganz kleine Zahl von Leuten tatsächlich diesen Satz bezahlten.Ronald Reagans Steuersenkungen brachten den Satz dann auf vergleichsweise niedrige 50 Prozent.Die tiefgreifende Steuerreform aus dem Jahr 1986 schloß dann Schlupflöcher und Ausnahmeregelungen für die Reichen, senkte den Spitzensteuersatz aber gleichzeitig auf 28 Prozent.Das war der bisherige Tiefstand. Inzwischen steigen die Steuern für die Reichen wieder.Für die weniger gut Gestellten gibt es allerdings Erleichterungen.Sherrie Alvarez, alleinerziehende Mutter mit einem Jahreseinkommen von 24 000 Dollar, helfen die Steuerkredite, ihre finanziellen Belastungen zu senken.Sie ist trotzdem dafür, daß die Reichen mehr bezahlen müssen."Ich habe nichts gegen Reiche.Aber es gibt so viele Leute, die sich wirklich anstrengen, um über die Runden zu kommen.Die könnten das Geld sehr gut gebrauchen." Übersetzt und gekürzt von Sigrun Schubert (US-Steuern und Editorial) und Joachim Hofer (Kansas City).

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