Wirtschaft : An den Börsen werden alte Ängste wach

Kein Tag ohne Kursverluste: Dax verliert weiter an Boden – Experten fürchten Folgen des Ölpreisanstiegs für Inflation und Konjunktur

Henrik Mortsiefer

Berlin - An den Börsen schwindet die Hoffnung, dass sich die Aktien bald wieder erholen werden. Auch am Freitag drehte der Dax ins Minus und setzte seine seit Tagen anhaltende Talfahrt fort. Der Index der 30 größten deutschen Unternehmen schloss bei 3646,99 Punkten – das waren 0,3 Prozent weniger als am Vortag. Die Stimmung wurde zusätzlich vom sinkenden Verbrauchervertrauen in den USA gedrückt. Ein von der Universität Michigan erhobener Index, der die Konsumneigung der US-Verbraucher misst, war zuletzt überraschend gesunken. Konsumausgaben machen rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA aus.

„Einem Marktanalysten blutet das Herz“, sagte Eberhardt Unger, Chefvolkswirt der unabhängigen Analysegesellschaft Fairesearch. „Fast alle Unternehmen haben in den Quartalsberichten ihre Prognosen erfüllt und sind optimistisch, aber die Kurse fallen trotzdem.“ Technologieaktien waren zuletzt unter Druck geraten, aber auch konjunktursensible Werte gerieten trotz guter Zahlen in den Abwärtssog. Der Grund: Immer mehr Volkswirte berechnen wegen des Ölpreisanstiegs ihre Konjunkturprognosen neu.

„An der Börse setzt sich eine Meinung durch: Das Glas ist nur halbvoll“, sagte Bernhard Langer vom Investmenthaus Invesco mit Blick auf die Wachstumserwartungen. „Das Öl löst ein Trauma aus.“ Statt von einer weiterhin dynamisch expandierenden US-Wirtschaft gingen die Börsianer aktuell von einer eher kraftlosen Entwicklung aus. „Das war vor vier Wochen noch anders“, sagte Langer. Inzwischen wird auch nicht mehr ausgeschlossen, dass der Ölpreisanstieg das allgemeine Preisniveau anhebt: „Wenn das Öl so teuer bleibt, gibt es keinen Ausweg“, sagte Eberhardt Unger. „Wir müssen uns von einer Inflationsrate von zwei Prozent verabschieden.“ Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte die hohen Ölpreise in ihrem Monatsbericht als Risikofaktor für die Inflation in der Eurozone ausgemacht. Eine Teuerung von dauerhaft mehr als zwei Prozent wäre für die EZB ein Anlass, die Zinsen zu erhöhen. Die amerikanische Notenbank hält die Risiken für Wirtschaftswachstum und Inflation in den kommenden Quartalen hingegen für ausgeglichen.

Diese entspannte Haltung zeigt an der Börse jedoch keine Wirkung: „Die Pessimisten der Vorwoche sind bislang eisern geblieben und scheinen wenig Lust zu verspüren, ihre Absicherung nach unten – immerhin mit Gewinn – aufzulösen“, schreibt das Forschungsunternehmen Cognitrend, das für die Deutsche Börse regelmäßig einen Stimmungsindikator errechnet. Angespielt wird hier auch auf Hedgefonds, die mit Termingeschäften und so genannten Leerverkäufen auf fallende Aktien spekulieren und damit Geld verdienen. „Vermutlich sehen diese Akteure tatsächlich die Gefahr einer richtig großen Abwärtsbewegung“, so Cognitrend. Die Bedeutung, die Hedgefonds an der Börse haben, wird von Experten allerdings unterschiedlich beurteilt. „Es ist momentan sehr schwer, auf einzelne Aktien zu setzen, weil die Favoriten und Verlierer jeden Tag wechseln“, sagte Bernhard Langer von Invesco. Für Hedgefonds sei es schwierig, gezielt gegen einen Wert oder eine Branche zu spekulieren. Die Wertentwicklung der Fonds ist seit Jahresanfang sehr enttäuschend verlaufen, hohe Renditeversprechen gingen häufig nicht auf. Einige Experten wie der US-Investor Bill Gross, der den weltgrößten Anleihefonds managt, sagen der Branche deshalb eine düstere Zukunft voraus. Auch Fairesearch-Volkswirt Unger, seit 30 Jahren im Geschäft, ist skeptisch, ob Hedgefonds so mächtig bleiben wie vermutet: „Das Geschäft wird wegbrechen.“

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