Wirtschaft : An den Hebeln der Macht

Wo die Regierung sitzt, sammeln sich auch die Lobbyisten. Der Regierungsumzug hat Berlin viele neue Jobs gebracht

Anselm Waldermann

Gerhard Timm gerät ins Schwärmen, wenn er von den Vorzügen Berlins spricht. „Bonn war wie ein isoliertes Raumschiff, die Politiker waren unter sich“, erzählt der Geschäftsführer beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „In Berlin sind sie viel offener. Für uns ist es leichter geworden, Ansprechpartner zu finden.“ Auch der eigene Verband sei dadurch dynamischer geworden.

Seit gut drei Jahren hat der Verband seinen Sitz am Köllnischen Park in Berlin-Mitte. Eine halbe Million Euro kostete der Umzug – aber er hat sich gelohnt: Rund 50 Vollzeitkräfte arbeiten in Berlin für den BUND – genauso viele wie früher in Bonn. Die Hälfte der Jobs, vor allem in der Verwaltung, ist in Berlin neu besetzt worden, weil nicht alle Mitarbeiter den Umzug mitmachen wollten. Die Fachreferenten hingegen sind zum Großteil dieselben wie vorher. „Die meisten sind gerne nach Berlin gekommen“, sagt Timm. „Schließlich ist Bonn ein bisschen verschlafen.“ Er selbst wohnte schon früher in Berlin. „Wenn der Wechsel nicht beschlossene Sache gewesen wäre, hätte ich meine Stelle 1999 nicht angetreten“, erzählt er. „Für mich war der Regierungsumzug ein Glücksfall.“

Aber auch für Berlin war der Regierungsumzug ein echter Glücksfall: Die Verbände-Wirtschaft ist eine der Boombranchen Berlins. So ist die Zahl der Beschäftigten bei Berufsvereinigungen zwischen 1998 und 2002 um 42 Prozent auf 5586 gestiegen. Zum Vergleich: Bundesweit betrug der Anstieg nur 2,4 Prozent. In den Berliner Büros der Gewerkschaften waren mit 1512 Menschen sogar 146,7 Prozent mehr beschäftigt als 1998. Auch Nicht-Regierungsorganisationen haben in den vergangenen vier Jahren mehr Mitarbeiter eingestellt – hier betrug der Zuwachs 13 Prozent. „Ohne die Kirchen, die Personal abgebaut haben, wäre das Plus noch höher ausgefallen“, berichtet Kurt Geppert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das die Daten erhoben hat. Insgesamt entfielen auf Nicht-Regierungsorganisationen – inklusive kirchlicher Einrichtungen – 25 444 Arbeitsplätze.

Die meisten der Verbände-Jobs sind in Berlin allerdings nicht neu entstanden, viele wurden aus Bonn an die Spree verlegt. Rund 95 Verbände sollen seit dem Regierungsumzug nach Berlin gewechselt sein. Auch die Arbeitgeberorganisation Gesamtmetall wird im Oktober von Köln hierher wechseln. Die meisten der 35 Mitarbeiter nimmt der Verband mit, neue Arbeitsplätze für Berliner entstehen kaum. „Unsere Leute freuen sich schon“, sagt Sprecher Michael Stahl. In der Nähe des Potsdamer Platzes lässt sich Gesamtmetall ein fünfstöckiges Haus bauen, Richtfest war im vergangenen Jahr. Als Grund für den Umzug nennt Stahl die Nähe zu anderen Verbänden wie dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und den Arbeitgeberverbänden BDA, die schon 1999 nach Berlin gekommen sind. Vor allem aber fühlt sich Gesamtmetall von der Regierung angezogen. „Wir möchten enger an die Politik heranrücken“, erklärt Stahl. „Gute Kontakte muss man halten.“

Das sieht auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) so. Der DGB verspricht sogar, dass in seinem Büro am Hackeschen Markt noch Jahre, nachdem die Organisation 1999 aus Düsseldorf an die Spree gezogen ist, neue Arbeitsplätze entstehen – vor allem im Bereich Digitalisierung. „Wir bilden auch Bürokaufleute selber aus“, berichtet DGB- Sprecher Hilmar Höhn.

Doch Jobs entstehen nicht nur bei den Verbänden selbst, Berlin profitiert auch indirekt. „Die Organisationen sorgen für Geschäftsreisende“, sagt Kurt Geppert vom DIW. „Die Hotels und Restaurants hätten ohne sie nicht so viele Gäste.“ Auch andere Branchen machen gute Geschäfte mit den Organisationen. „Die Verbände fragen zahlreiche Dienstleistungen nach, zum Beispiel Datenverarbeitung, Logistik oder Beratung“, erklärt Geppert.

Der Immobiliensektor profitiert ebenfalls. So hat die Universität Potsdam in einer Studie herausgefunden, dass die Verbände einen überdurchschnittlichen Bedarf an Büroflächen haben – vor allem wegen des hohen Anteils an Repräsentationsräumen. Daneben spielen die Verbände für Berlin eine weitere Rolle: „Sie beeinflussen das Renommee der Stadt“, sagt Geppert. Denn die Organisationen verbreiten das Image: In Berlin tummeln sich die wirklich wichtigen Leute.

Doch bald dürfte es mit dem Wachstum der Branche vorbei sein. „Die Zahl der Beschäftigten ist 1998 sprunghaft gestiegen“, sagt Geppert. „Nun wird die Welle langsam auslaufen.“ Schon von 2001 auf 2002 hätte sich die Zuwachsrate im Vergleich zu den Jahren davor abgeflacht. „Das Niveau wird hoch bleiben. Aber ein Wachstum wie bisher wird es nicht mehr geben.“

Standort Berlin – Wo die Hauptstadt erfolgreich ist. Folge 4: Die Filmbranche

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