Wirtschaft : An der Börse ist der Krieg schon vorbei

Wall Street bremst rasanten Dax-Anstieg nur vorübergehend – der Dollar wird teurer, die Ölpreise fallen drastisch

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Berlin (mot). An den Börsen werden Wetten auf einen kurzen IrakKrieg abgeschlossen. Am Dienstag stiegen in Asien und Europa die Aktienkurse, weil die Anleger ihren Blick schon auf die Zeit nach dem Krieg richten. Der Dax schloss bei 2584,61 Zählern um 3,92 Prozent höher. Ein zwischenzeitliches Minus an der New Yorker Börse konnte den steilen Kursanstieg der deutschen Börse nur kurz bremsen. Zugleich brach der Rohölpreis massiv ein. Auch der Euro verlor im Vergleich zum Dollar erneut deutlich an Wert.

„Das Klima schlägt um“, sagte Achim Matzke, Index-Spezialist der Commerzbank. Seitdem Klarheit darüber herrsche, dass die USA mit Ablauf des Ultimatums für Saddam Hussein zum Krieg bereit seien, sei die Entwicklung an den Märkten kalkulierbarer geworden. „Zunehmende Klarheit führt zu sinkender Risikoaversion“, sagten die Private-Banking-Experten der Schweizer Großbank UBS. Aus den USA kamen keine neuen Signale. Der US-Notenbank Fed ließ des Leitzins am Dienstag erwartungsgemäß unverändert bei 1,25 Prozent. Anders als sonst verzichtete die Fed darauf, eine Einschätzung der Risiken für die US-Wirtschaft abzugeben. Sie verwies auf ein kurzfristig ungewöhnlich hohes Maß an Unsicherheit angesichts der geopolitischen Lage vor dem wohl bevorstehenden Irak-Krieg.

Der Dax sprang im Handelsverlauf vorübergehend um mehr als fünf Prozent über 2600 Zähler. Innerhalb von vier Tagen hatte der Index damit rund 18 Prozent gewonnen. Die Wall Street bremste die Kursrallye am Nachmittag vorübergehend: Der Dow-Jones-Index und die US-Technologiebörse Nasdaq eröffneten mit leichten Verlusten. Bei Börsenschluss in New York stand der Dow mit 8193,46 Punkten leicht im Plus.

Die Spekulation auf einen kurzen Krieg führte zu einem massiven Einbruch auf dem Ölmarkt. Rohöl der Sorte Brent zur Auslieferung im Mai brach in London zeitweise um mehr als drei Dollar oder rund zehn Prozent ein. Das war der stärkste Verlust seit dem 24. September 2001, berichtete die Wirtschaftsagentur Bloomberg. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Marke Brent lag zuletzt bei 27,40 Dollar. Rund 40 Prozent der Erdöl-Exporte weltweit stammen aus dem Nahen Osten. Das weltweit größte Ölförderland Saudi-Arabien grenzt an den Irak.

Der Euro rutschte am Dienstag zum ersten Mal seit Mitte Januar unter die Notierung von 1,06 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 1,0586 Dollar fest. Am Montag hatte der Kurs noch bei 1,0801 Dollar gelegen.

Die scharfe Korrektur der Devisennotierung sei begründbar, der zuletzt sehr starke Euro-Kurs habe sich nicht „in die Zukunft fortschreiben“ lassen, sagte Rolf Schneider, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Dresdner Bank. „Der Dollar hat sich in den vergangenen Wochen viel zu stark abgeschwächt“, sagte er dem Tagesspiegel. Angesichts der unveränderten konjunkturellen Rahmendaten in den USA und Europa sei dieser Wertverlust nicht gerechtfertigt. Ende des Jahres erwarte die Dresdner Bank den Euro bei höchstens 1,05 Dollar. „Schon vor dem Golfkrieg 1990/91 verlor der Dollar in sechs Monaten 14 Prozent“, sagte Schneider. „Danach schlug es ins Gegenteil um.“

Der Stimmungswandel an der deutschen Börse wurde am Dienstag von Konjunkturdaten und positiven Unternehmenszahlen gestützt. Nach der monatlichen Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben sich die Konjunkturerwartungen der rund 300 befragten Analysten und institutionellen Anleger im März aufgehellt. Der ZEW-Indikator stieg auf 17,7 Punkte (Februar: 15 Punkte). Überraschend positive Geschäftszahlen von BASF und ein erster Freispruch von Bayer im Lipobay-Prozess stimulierten den Markt zusätzlich.

„Die Börse reagiert zynisch angesichts des Krieges“, räumte Harald Albert von der Münchener Vermögensverwaltung Fiduka ein. „Aber nach der Bush-Rede haben wir eine neue Planungsgrundlage.“ Anlegern riet Albert dennoch von einem Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt ab. Anders die UBS-Banker: „Wir halten es nicht für wahrscheinlich, sondern für sehr wahrscheinlich, dass die militärisch-technologische Übermacht der USA zu einem schnellen militärischen Durchbruch führt.“ Nach dem Ende des Krieges stünden die Aktienkurse deshalb höher als heute, bei Staatsanleihen sei dagegen mit Kursrückgängen zu rechnen.

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