Wirtschaft : An der Börse wird die Luft dünner

Der Dax springt von Hoch zu Hoch – der Optimismus macht Profis nervös

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt ist eine Woche nach den Anschlägen in London so gut wie lange nicht mehr. Der Dax übersprang am Donnerstag zeitweise die Marke von 4700 Punkten und erreichte bei 4715 Zählern ein neues Drei-Jahres-Hoch. Am Schluss lag er bei 4699,27 Zählern (plus 0,4 Prozent). Auch die US-Börsen eröffneten freundlich, nachdem die US-Konzerne Apple und AMD überraschend gute Quartalszahlen vorgelegt hatten.

Auch technisch orientierte Analysten sind optimistisch: Charttechnisch bewege sich der Dax oberhalb von 4600 Punkten in einem Aufwärtstrend, der – mit zwischenzeitlichen Korrekturen – drei bis maximal neun Monate anhalten könne. Seit Jahresanfang hat der Dax rund zehn Prozent gewonnen.

Das gewachsene Vertrauen der Anleger lässt sich auch am Mittelaufkommen der Investmentfonds ablesen: Allein im Juni wurden 505 Millionen Euro in reine Aktienfonds investiert, nachdem im Mai noch 820 Millionen abgeflossen waren. Nach Angaben des Bundesverbandes Investment und Asset Management sammelten die Publikumsfonds – zu denen unter anderem auch Renten- und Mischfonds gehören – im ersten Halbjahr 23,4 Milliarden Euro bei Anlegern ein. Das war mehr als doppelt so viel wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Die deutsche Fondsbranche verwaltete Mitte 2005 ein Gesamtkapital von 1,09 Billionen Euro.

„Wenn die Dynamik anhält, kann der Dax in diesem Jahr ein Plus von 20 Prozent schaffen“, sagte Achim Matzke, Indexspezialist bei der Commerzbank. Zwei Gründe sprächen für weiter steigende Kurse: „Die Dax-Unternehmen verdienen mehr als im Boomjahr 2000 – und ihre Aktien sind gleichzeitig deutlich niedriger bewertet“, so Matzke. Außerdem seien die Zinsen auf historisch niedrigem Niveau und somit keine echte Anlagealternative. Die Commerzbank, die für Ende 2005 einen Dax-Stand von 4750 Punkten prognostiziert, überprüft derzeit nach Matzkes Angaben ihr Kursziel.

Der Optimismus lässt manche Experten jedoch nervös werden. „Hier oben wird die Luft schon dünner“, sagte ein Aktienhändler am Donnerstag. „Einige Investoren schweben mit ihren Fingern wieder über der Verkaufstaste, um den Zug nach unten nicht zu verpassen.“ Auch die Marktforscher von Cognitrend machen zwei Gefahren für den Dax aus: Zum einem würden Gewinnmitnahmen nicht lange auf sich warten lassen. Zum anderen sei die Toleranz vieler Investoren gegenüber Verlusten nicht allzu groß. Viele seien nach den Terroranschlägen relativ spät wieder eingestiegen – im Schnitt zwischen 4570 und 4600 Punkten. Laut Cognitrend heißt das: Schon Verluste von zwei Prozent könnten für den Dax „zum Verhängnis“ werden, weil Großanleger dann zum Ausstieg bereit seien.

Neueinsteiger muss dieses Szenario nicht abschrecken. „An schwachen Tagen bieten sich mittelfristig orientierten Anlegern Kaufkurse“, sagt Achim Matzke. Vorsichtige Anleger investieren bei niedrigeren Dax-Ständen zunächst einen kleinen Betrag. Fällt der Index weiter, kann am Ende der Korrektur weiteres Geld angelegt werden.

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