Wirtschaft : An der Schwelle

Experten sagen den Aktienmärkten in Ländern wie Russland und China einen steilen Aufschwung voraus

Chaig Karmin

Die Aktienmärkte der Schwellenländer, auch Emerging Markets genannt, waren lange für ihre extremen Schwankungen bekannt: Auf den raschen Aufstieg folgte meist ein ebenso rasanter Kursverfall. Doch dem sprunghaften Sektor könnte nun eine Zeit der Stabilität bevorstehen.

Steigende Warenpreise, ein solides Wachstum der Weltwirtschaft und Investoren, die bei weltweiten Niedrigzinsen nach profitablen Anlagen suchen, haben die Aktien in den Schwellenländern – wie etwa Indien oder China – seit Ende 2001 um 85 Prozent steigen lassen. Im gleichen Zeitraum kletterte der amerikanische Dow-Jones-Index gerade einmal um neun Prozent. Für Optimisten unter den Anlegern sind solch gewaltige Kursgewinne erst der Anfang: „Die Emerging Markets haben einen steilen Aufschwung erlebt“, sagt Kim Catechis, Direktor der Investmentabteilung bei Scottish Widows in Edinburgh, einer der größten Anlagegesellschaften Großbritanniens. „Aber von einer Blase kann man hier nicht sprechen.“ Der Zufluss in die Schwellenländer-Aktien bricht derzeit alle Rekorde. Die einschlägigen Investmentfonds hatten im Februar den besten Monat aller Zeiten: Laut der Marktforschungsgesellschaft Emerging-Portfolio.com steckten die Anleger umgerechnet 3,43 Milliarden Euro in die Emerging-Market-Fonds.

Fast noch bemerkenswerter als das Vertrauen in weitere Kursgewinne ist die wachsende Überzeugung, dass am Ende der Kursrallye nicht mehr der große Absturz steht. Experte Catechis sagt, durch die günstigen Entwicklungen ist vielen Schwellenländern die Stabilisierung ihrer Wirtschaft gelungen, etwa durch Schuldenabbau, die Anhäufung von Rücklagen und die Reduzierung der Kreditkosten. Außerdem mache Chinas Aufstieg zum Massenkonsumenten von Naturrohstoffen die Entwicklungsländer unabhängiger vom traditionellen amerikanischen Hauptabsatzmarkt.

Darin sehen die Fürsprecher des Emerging-Market-Booms einen strukturellen Wandel, mit dem die Entwicklungsländer auch plötzliche Zinssteigerungen oder andere negative Ereignisse abfedern können. „Wir erleben gerade eine Neubewertung des Sektors“, sagt Catechis. Das Ertragspotenzial der Unternehmen in Entwicklungsländern werde künftig nicht mehr mit dem kräftigen Abschlag gegenüber den Aktien in den USA und anderen entwickelten Ländern zu bewerten sein.

Nicht jeder teilt diese Zuversicht. Andy Xie, ein Morgan-Stanley-Volkswirt in Hong Kong, führt den Aufschwung vor allem auf die historischen Niedrigzinsen und die Dollarschwäche zurück. Das habe die Investoren selbst dann noch zu den Schwellenländer-Aktien getrieben, als sich die Papiere wieder verteuerten.

Wenn die US-Zentralbank aggressiver an der Zinsschraube dreht oder sich Chinas Wachstum rapide abkühlt, könnten die Gewinne bei den Schwellenländer-Aktien in einen ebenso massiven Ausverkauf umschlagen. „Was jetzt passiert, unterscheidet sich nicht grundlegend von den Entwicklungen vor zehn Jahren“, warnt Xie und spielt auf die Kursgewinne von 1993 und 1994 an – die kurze Zeit später in einer Börsenkrise ausgelöscht wurden.

Selbst einige Anhänger der Schwellenländer-Papiere bleiben skeptisch. Probleme bei der Unternehmensführung und die schlechte Behandlung von Minderheitsaktionären sind in den südostasiatischen und lateinamerikanischen Märkten noch immer an der Tagesordnung. „Man darf sich nichts vormachen“, sagt Carlos Asilis, Fondsmanager beim Hedgefonds Vega Plus Capital Partners, „es gibt noch immer viel Korruption.“ Das sei auch der Grund, warum die Schwellenländer-Aktien weiterhin mit einem Abschlag gegenüber amerikanischen und europäischen Papieren gehandelt werden, so Asilis. Diese Märkte sind kleiner und leichter zugänglich als in entwickelten Ländern und die Wirtschaftsleistung ruht oft auf wenigen Pfeilern. Probleme in einer Schlüsselbranche können daher den gesamten Markt zum Abstürzen bringen.

Auch haben die Schwellenmärkte noch immer mit höheren Kapitalkosten zu kämpfen, obwohl sich ihre Kreditwürdigkeit in letzter Zeit stark verbessert hat. Das zeigt auch der Schwellenländer-Index der Investmentgesellschaft J. P. Morgan. Der Anteil der dort aufgelisteten Staaten, deren Anleihen die Bonitätsnote „erstklassig“ erhalten, ist seit 1998 von zehn auf 50 Prozent gestiegen.

Zu den bedeutendsten Herausgebern von Staatsanleihen gehören heute Mexiko und Russland – die einst Auslöser der Schwellenländer-Aktienkrisen von 1994 und 1998 waren. Beide Länder sind bei ihrer Bonitäts-Bewertung inzwischen zum Kreis der soliden Schuldner aufgestiegen. Da überrascht es nicht, dass der Aufschlag, den die Emerging-Market-Länder für die Kreditaufnahme zahlen müssen, geringer ist als je zuvor. Der Zuschlag liegt nur noch 3,3 Prozentpunkte über dem für die USA geltenden Satz.

Einige Experten sehen darin Grund genug, auch die Aktien der Entwicklungsländer neu zu bewerten. Im Durchschnitt notieren die Papiere beim zehnfachen des pro Aktie vorausgesagten Jahresgewinns. Damit sind sie 29 Prozent niedriger bewertet als die Papiere der Industrieländer, die im Schnitt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 gehandelt werden. Bedenkt man aber, dass die Schwellenländer-Aktien traditionell mit einem Abschlag von 40 bis 80 Prozent bewertet worden sind, scheint das derzeitige Kursniveau bereits verhältnismäßig teuer. Nicht so für George Hoguet, Emerging-Market-Stratege bei State Street Global Advisors. Er spricht von einem Strukturwandel, der diese Märkte auch weiterhin wachsen lassen wird: Die Erweiterung der Europäischen Union werde die zentraleuropäischen Aktienmärkte noch stärker beflügeln, und der anhaltende Drang zum Outsourcing werde die Märkte in Indien, China und anderen asiatischen Entwicklungsländern dauerhaft stützen.

Gleichzeitig wächst die Schar der an den Schwellenländer-Märkten interessierten Anleger. Bei den kläglichen Erträgen der öffentlichen US-Rentenpapiere sehen sich immer mehr amerikanische Pensionsfonds-Manager nach höheren Gewinnen in Entwicklungsländern um. Selbst die Manager von Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt in Industrieländern dringen in die Schwellenmärkte vor: Pamela Holding, Chefin des Investmentfonds Putnam International Growth & Income hat schon 5,8 Prozent des 733-Millionen-Dollar-Fonds in Emerging-Market-Aktien umgeschichtet. Und das ist doppelt so viel, wie es der für den Fonds geltende Richtwert vorsieht.

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