Wirtschaft : An der Zinsfront ist die Ruhe fast vollkommen

ROLF OBERTREIS

Mit einer Anhebung wird kaum noch gerechnet / Einziges Risiko: die US-Konjunktur / Der größte Gewinner ist der StaatVON ROLF OBERTREIS FRANKFURT (MAIN).Selbst die Experten sind überrascht und müssen sich korrigieren.Hatten zu Jahresbeginn die meisten Beobachter einen Zinsschritt der Bundesbank nach oben für das erste Halbjahr vorausgesagt, ist jetzt etwa bei den Volkswirten von Deutscher, Dresdner und Commerzbank vom zweiten Halbjahr die Rede."Nach der Sommerpause", sagt Ulrich Beckmann, Konjunktur-Experte der Deutschen Bank Research.Hohe und höhere Zinsen sind schon seit mehr als zwei Jahren in Deutschland kein Thema mehr.Der Trend nach unten hatte im September 1992 eingesetzt, nach der letzten Krise im europäischen Währungssystem.Seitdem hat die Bundesbank die Zinsen praktisch nur noch in eine Richtung geschoben: nach unten.Abgesehen von leichten Schwankungen beim "dritten", aber mittlerweile wichtigsten Zins für kurzfristige Wertpapierpensionsgeschäfte mit den Geschäftsbanken.Der leichte Zinsschritt nach oben im Herbst letzten Jahres erfolgte allein mit Blick auf den Euro und die Angleichung des europäischen Zinsniveaus.Angesichts des historisch niedrigen Niveaus von 2,5 Prozent beim Diskont, von 4,5 Prozent beim Lombard und vor allem von derzeit 3,30 Prozent für den "dritten" Leitzins kann es allerdings auch nicht mehr viel weiter nach unten gehen.Die positive Nachricht aber lautet: 1998 und 1999, da ist man sich bei den Banken in Frankfurt einig, wird es allenfalls graduell nach oben gehen.Mehr noch: Rolf Schneider, stellvertretender Chef-Volkswirt der Dresdner Bank, sieht auch längerfristig günstige Perspektiven."Eine Hochzinsphase ist derzeit nicht in Sicht.Die Inflationsrate wird sich in den nächsten fünf Jahren im Schnitt bei zwei Prozent einpendeln." Dies heißt - nach den strengen Maßstäben der Bundesbank - nichts anderes als Stabilität.Dort sieht man denn auch, wie Bundesbank-Chef-Volkswirt Otmar Issing unlängst einräumte, derzeit in Sachen Zinsen keinen Handlungsbedarf."Wir sollten uns an einer Situation freuen, in der die Preissteigerungsrate ganz in der Nähe dessen liegt, was wir unter Preisstabilität verstehen.Das ist nicht die Stunde, in der Notenbanken zum Handeln aufgerufen sind." Klaus-Dieter Kühbacher, Chef der Landeszentralbank Berlin-Brandenburg, sieht sogar Verhältnisse, die eine Zinssenkung ermöglichen könnten.Die Gründe für diese höchst erfreulichen Zinsperspektiven sind vielschichtig.Selten in den letzten 35 Jahren war die Inflationsrate so niedrig wie derzeit (siehe Grafik)."Die Entwicklung ist viel besser als wir erwartet haben", räumt Deutsche Bank-Experte Beckmann ein.Ursache dafür ist die nach wie vor schwache Konjunktur im Inland, dämpfende Nachfrage-Effekte durch die Asienkrise und der Rückgang der Nettolöhne im vergangenen Jahr.Auch für 1998 erwarten Beobachter eine nur moderate Steigerung der Bruttolöhne um rund zwei Prozent.Schließlich bremsen auch die niedrigen Rohstoffpreise die Inflation, sie sind im Schnitt in den letzten Monaten um zehn Prozent gesunken.Vor allem Rohöl ist mit rund 16 Dollar pro Barrel billig wie lange nicht mehr.Vor diesem Hintergrund bleibt die Erhöhung der Mehrwertsteuer zum 1.April fast ohne Wirkung, glaubt nicht nur Beckmann.Insgesamt erwarten die Experten für 1998 einen Anstieg der Inflationsrate um 1,6 bis höchstens 1,8 Prozent.Auch das verhaltene Wachstum im vergangenen Jahr und die alles andere als überschwenglichen Prognosen über einen Zuwachs von 2,6 bis 2,8 Prozent im laufenden Jahr geben keinen Anlaß zu Zinsanhebungen.Der private Verbrauch und die Binnennachfrage werden weiter "schwächeln".Daneben wird auch die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit dämpfend auf die Zinsen wirken.Denn nur wenn diese niedrig bleiben, besteht die Chance für Investitionen und neue Arbeitsplätze.Schließlich erwarten Beckmann wie auch Dresdner Bank-Volkswirt Schneider keine weiteren Sprünge beim Dollar.Er gilt mit rund 1,80 DM als "fair" bewertet, 1,83 DM, wie derzeit, erscheint vielen etwas zu hoch.Geringer als noch vor wenigen Monaten erwartet, wird sich wohl die Europäische Währungsunion (EWU) auf die Zinsen auswirken.Die kurz- und langfristigen Zinsen haben sich europaweit mittlerweile so weit angeglichen, daß starke Senkungen in den südeuropäischen Ländern und deutliche Anhebungen etwa in Deutschland oder den Benelux-Ländern unnötig sind."Die Zinskonvergenz dürfte nahe dem Niveau der Kernländer stattfinden", vermutet Jens Dallmeyer von der Deutschen Bank Research.In der zweiten Jahreshälfte, so glauben Bank-Experten, werde der Zentralbankrat - in seiner wohl letzten eigenständigen Zinsentscheidung - den Reposatz um allenfalls 0,3 Prozentpunkte anheben.Danach ist die Europäische Zentralbank für die Geldpolitik und damit für die Leitzinsen verantwortlich.Ein wirkliches Risiko für die Zinsen sehen die Experten derzeit in den USA.Läuft die Konjunktur dort noch besser als derzeit, könnte sich die US-Notenbank zu einem zinspolitischen Bremsmanöver gezwungen sehen.Das könnte die langfristigen Zinsen auch in Europa leicht nach oben schieben.Zwar mögen sich die Sparer über die niedrigen Zinsen ärgern, denn selbst für Zehn-Jahres-DM-Anleihen sind derzeit nicht viel mehr als fünf Prozent zu holen.Aber zum einen sind auch die Anleger renditebewußter geworden und setzen stärker auf Investmentsfonds oder direkt auf Aktien.Zum anderen wiegen die positiven Effekte der Zinsflaute für Staat, Wirtschaft und Verbraucher die Nachteile bei weitem auf.Die Bayerische Landesbank rechnet "Wohlfahrtseffekte" in Milliardenhöhe vor."Der größte Gewinner ist der Staat als wichtigster Kreditnehmer".850 Mrd.DM oder mehr als drei Fünftel aller derzeit umlaufenden Staatsanleihen "kosten" die öffentliche Hand derzeit weniger als sieben Prozent.1996 noch lag dieser Anteil bei 45 Prozent.Der Bund kann damit viel Geld sparen.Ohne diese Einspareffekte wäre es Bonn vermutlich schwer gefallen, das Defizit-Kriterium von drei Prozent für die EWU zu erfüllen, schätzen die Experten der Bayerischen Landesbank.Aber auch dem privaten Kreditnehmer gereichen die Niedrigzinsen von derzeit knapp sechs Prozent für fünf und knapp 6,5 Prozent für zehn Jahre zum Vorteil, etwa Eigenheimkäufern.Vier Mrd.DM haben sie 1997 im Vergleich zur Hochzinsphase Anfang der 90er Jahre gespart, vermuten die Münchner Banker.Oder anders gerechnet: Wer 1991 für ein Darlehen von 400 000 DM im ersten Quartal noch 3433 DM an Zins und Tilgung zahlen mußte, kommt heute mit nur noch 2300 DM aus.

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