Wirtschaft : „An Europa verkauft“

Polens Landwirte hoffen auf neue Absatzmärkte – noch mehr bangen sie um ihre Existenz

Thomas Roser[Godziszow]

Wohlig suhlen sich die Schweine in ihrem Stroh. Nachdenklich mustert Bauer Tadeusz Gajur seinen grunzenden Besitz. Mit seinem Hof von zehn Hektar komme er derzeit „gerade so“ über die Runden, erzählt der Landwirt im ostpolnischen Godziszow. Den Kredit für seinen Trecker bezahlt er seit sechs Jahren ab, Geld für ein Auto bleibe nicht übrig: „Das wäre ein Luxus – und der Hof geht vor.“

Aus Sorge um seine berufliche Zukunft hat der Vater von sieben Kindern beim Referendum im vergangenen Juni gegen den EU-Beitritt gestimmt: „Unsere Regierung hat schlechte Bedingungen ausgehandelt – und uns Bauern verkauft.“ Mit zunächst nur einem Viertel der im Westen bezahlten Subventionen werde Polens Bauernstand Mühe haben, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, fürchtet Gajur. Der Markt werde zwar größer werden, doch „mit unseren kleinen Produktionsmengen sind wir für die Einkäufer uninteressant“, klagt der Bauer. „Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.“

Mit seiner skeptischen Haltung steht Tadeusz Gajur nicht alleine da: Mit 88 Prozent war der Anteil der Beitrittsgegner beim EU-Referendum nirgendwo in Polen so hoch wie in der 6300-Seelen-Gemeinde Godziszow. Arbeitsam seien die Bewohner seines Ortes, versichert im Rathaus der 39-jährige Gemeindevorsteher Andrzej Olech: „Unsere Produkte werden ökologischer und nicht schlechter produziert als die im Westen – auch wenn die Höfe dort moderner sind.“ Doch die Prognose, dass von Polens zwei Millionen Bauernhöfen nur ein kleiner Teil eine Überlebenschance habe, mache vielen Leuten Angst. „Sie lieben ihre Arbeit – und fürchten, dass sie ihre Höfe aufgeben müssen“, sagt Olech. „Denn Alternativ-Arbeitsplätze gibt es hier nicht.“

In Polen macht die Landwirtschaft noch 3,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Nach wie vor ist sie eine wichtige Erwerbsquelle. Jeder fünfte berufstätige Pole verdient in der Landwirtschaft seinen Lebensunterhalt, zudem gilt die Nahrungsmittelverarbeitung als einer der bedeutendsten Industrie-Sektoren. Die Durchschnittsgröße der Höfe liegt bei 7,7 Hektar. Nur 0,4 Prozent der Höfe fallen mit mehr als 50 Hektar Fläche in die Kategorie der Großbetriebe.

Von eher kleineren Landwirtschaftsbetrieben ist auch die an der Grenze zu den neuen EU-Nachbarn Weißrussland und Ukraine gelegene Woiwodschaft Lubelskie geprägt, die die EU-Statistiker in Brüssel als die ärmste Region der ab Mai erweiterten Union ausfindig gemacht haben. Über die Hälfte ihrer 2,2 Millionen Bewohner wohnen auf dem Land – und mehr als die Hälfte der Beschäftigten bestreitet mit der Landwirtschaft ihr Auskommen. Die kleineren Höfe könnten Probleme bekommen, sagt Piotr Sawicki, Leiter der Wirtschaftsabteilung der Woiwodschafts-Verwaltung in Lublin. Schwierigkeiten könnten viele Bauern auch mit den Antragsformularen zum Erhalt der ihnen zustehenden Direktbeihilfen haben, auf denen die genaue Größe des Hofes angegeben werden muss: „Denn der Umfang des Besitzes ist selten genau geklärt - und lässt sich oft nicht nachweisen.“

Während das Heer der Kleinbauern Existenzsorgen plagen, haben hochmoderne Geflügel-, Obst- und Gemüsezüchter sowie Milchproduzenten die EU-Hygiene-Auflagen längst erfüllt. Sie sichern sich zunehmend auch Marktanteile im Westen. Ob Wurstwaren, Milcherzeugnisse, Obst oder Gemüse: Ein geringer Kunstdüngereinsatz, natürliche Produktionsmethoden, hohe Qualität und niedrige Preise sind kennzeichnend für polnische Agrarprodukte. Die Hoffnung der Exporteure auf die Erschließung neuer Absatzmärkte nach Polens EU-Beitritt wird allerdings durch die mangelhafte Ausstattung vieler Molkereien und Schlachthäuser getrübt: Zahlreiche Betriebe haben Schwierigkeiten, rechtzeitig vor dem Beitritt die hohen EU-Normen zu erfüllen. Trotz der Sorgen seiner Schützlinge blickt Priester Jozef Krawczyk in Godziszow nicht pessimistisch in die EU-Zukunft. Die Bauern der Region seien „nüchtern und praktisch“, sagt er. „Sie werden sich an die neuen Zeiten anpassen.“ Wichtig sei, dass sie sich für Vertrieb und Marketing zusammenschlössen, genossenschaftliche Strukturen entwickelten.

„Was soll ich denn machen, wenn ich den Hof aufgeben muss?“, fragt Bauer Tadeusz. Mangels Alternative versucht er also, sich so gut es eben geht, auf das Neue einzustellen. Keineswegs werde sich sein Dorf „abschließen“, beteuert er – und weist auf das Schulheft seines Sohnes. Wenigstens seine Kinder seien für Europa gerüstet: „Bei uns lernen Kinder schon in der Grundschule Englisch.“

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