Wirtschaft : „An Krematorien sind wir sehr interessiert“

Der neue Chef von Ahorn-Grieneisen, Oliver Schulz, über den Preiskampf und Wachstumsmöglichkeiten in der Bestatterbranche

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Herr Schulz, wissen Sie schon, wie Sie später beerdigt werden möchten?

Ich bin 35, daher ist meine eigene Beerdigung zurzeit nicht gerade mein Hauptthema. Zudem bin ich vor neun Monaten zum dritten Mal Vater geworden und in der Aufbauphase meiner Familie. Andererseits macht das auch sensibel für das Thema Vorsorge, und so habe ich jetzt einen Termin für eine Bestattungsvorsorge vereinbart.

Meine Großmutter hatte schon mit 40 angefangen, für ihre Beerdigung zu sparen. Machen das die Leute heute nicht mehr?

Vor zwei Jahren ist das Sterbegeld, das die Krankenkassen gezahlt hatten, weggefallen. Außerdem ist bei vielen Menschen das Geld knapp. Daher ist eine langfristige finanzielle Vorsorge, um die eigene Bestattung zu bezahlen, heute mindestens genauso wichtig wie früher.

Was kostet denn eine durchschnittliche Erdbestattung bei Ihnen?

Eine Bestattung ist in drei Kostenbereiche aufgegliedert: unsere Eigenleistungen, die Fremdleistungen wie Floristik oder Chauffeursdienste, für die wir andere Firmen beauftragen, und die öffentlichen Gebühren. Letztlich haben wir ein modulares Preissystem. Je mehr Eigen- und Fremdleistungen Sie buchen, desto höher werden die Kosten.

Was kommt unterm Strich zusammen?

Rund 5000 Euro für eine Erdbestattung mit angemessener Trauerfeier, davon entfällt aber weniger als die Hälfte auf unsere Eigenleistungen.

Viele sind billiger. Ihre Konkurrenz bietet Feuerbestattungen schon für unter 600 Euro an, Erdbestattungen für 900 Euro. Wie geht das?

Die öffentlichen Gebühren sind für alle gleich und in den von Ihnen zitierten Summen nicht enthalten. Auch die ebenfalls nicht berücksichtigten Fremdleistungen lassen sich durch den Bestatter nicht beeinflussen. Gestaltungsmöglichkeiten beim Preis gibt es bei den Bestatter-Eigenleistungen, die bei den erwähnten Angeboten auf das Notwendigste reduziert sind.

Aber zwischen 900 Euro und 5000 Euro liegen doch Welten.

Es handelt sich hier wie bereits gesagt um nicht vergleichbare Angebote. Außerdem müssen Sie auch sehen, was Sie für das Geld bekommen. Das geht bei der Qualität des Sarges los und setzt sich bei der Trauerfeier, die bei den günstigen Angeboten komplett entfällt, fort. Bei anonymen Feuerbestattungen, denn darum handelt es sich meist bei Billigbestattungen, sind die öffentlichen Gebühren geringer, weder Grabstein noch Grabpflege sind nötig, und darüber hinaus wird bei den Leistungen immer nur das allergünstigste genommen. Die Prozesse sind standardisiert, es gibt kein links und rechts. Was verloren geht, ist die Abschiednahme und die Erinnerungskultur. Eine Bestattung sollte doch auch würdevoll sein.

Bleibt die Würde bei den Discountbestattungen auf der Strecke?

Eine anonyme Feuerbestattung stellt nicht per se einen Würdeverlust dar, aber sie zeigt, dass sich der Umgang der Hinterbliebenen mit dem Thema Tod offensichtlich geändert hat.

Woran liegt das?

Es gibt sehr starke regionale Unterschiede. In Bayern sind 80 Prozent der Bestattungen Erdbestattungen. In Berlin machen dagegen die Feuerbestattungen 80 Prozent aus. Ich glaube, hinter der Zunahme der Feuerbestattungen steckt der allgemeine gesellschaftliche Trend der Individualisierung, der oft auch zur Vereinsamung führen kann. Wenn jemand weder Familie noch Freunde hat, ist häufig die anonyme Feuerbestattung die gewählte Bestattungsart.

Früher hat man bei Beerdigungen nie über den Preis geredet. Das galt als pietätlos. Ist das heute anders?

Der Preis war immer ein Thema. Deshalb spielt auch die finanzielle Vorsorge eine Rolle. Dass der Preis wichtig, aber nicht ausschlaggebend ist, merken wir bei allen Gesprächen – und wir führen rund 30 000 Bestattungen im Jahr durch.

Was ist denn das Entscheidende?

Wichtiger als der Preis ist es, die Hinterbliebenen ihrer Verfassung entsprechend zu betreuen und sie bei ihrer Trauerbewältigung zu begleiten.

Wieso schießen dann die Discount-Bestatter wie Pilze aus dem Boden?

In Deutschland gibt es rund 4000 Bestatter und 800 000 Sterbefälle pro Jahr. Diese Zahlen sind konstant. Die Niedrigpreisangebote anderer Bestatter dienen dazu, Aufträge zu akquirieren. Es ist ein Verdrängungswettbewerb, und einige scheinen zu glauben, dass der Preis ein geeignetes Instrument ist. Aber das stimmt nicht.

Warum bieten Sie dann auch selbst eine preisgünstige Bestattungsvariante, die „Volksbestattung“, an?

„Volksbestattung“ gehört nicht zu Ahorn-Grieneisen, sondern ist ein Schwesterunternehmen. „Volksbestattung.de“ ist kein Bestattungshaus, sondern ein internetbasiertes Geschäftsmodell, das Sterbefälle über das Internet akquiriert und an niedergelassene Bestatter weiterleitet. Ahorn-Grieneisen hat rund 220 Filialen. Außerdem haben wir ein Netz an Kooperationspartnern. „Volksbestattung“ vermittelt an uns oder diese Partner ebenso wie an alle anderen Bestatter in Deutschland, die mit Volksbestattung kooperieren.

Und das zu Billigpreisen von 500 Euro …

Es sind genau gesagt 569 Euro für eine anonyme Feuerbestattung ohne Kremierungsgebühren, hinzu kommen noch öffentliche Gebühren und Zusatzleistungen wie zum Beispiel die Organisation und Gestaltung einer Trauerfeier. Letztlich haben wir bei allen Kunden, die uns von der „Volksbestattung“ vermittelt worden sind, durch weitere Dienstleistungen einen deutlich höheren Preis erzielt.

Es gibt inzwischen sogar Discount-Bestattungstouren nach Tschechien. Hat die Globalisierung jetzt auch das Bestatterwesen erreicht?

Der Hauptgrund für eine Bestattungstour nach Tschechien ist vermutlich der Preis, hinzu kommt, dass so eine Tour für einige Menschen offensichtlich einen gewissen Eventcharakter besitzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Menschen so etwas wollen.

In Berlin sind die Friedhöfe in kommunaler oder kirchlicher Hand. In NRW gibt es auch private Friedhöfe. Begrüßen Sie das?

In Berlin-Neukölln gibt es jetzt einen kommunalen Friedhof, der privat bewirtschaftet wird. Das ist ein Pilotprojekt in Berlin. Wir hatten uns beworben, sind aber leider nicht zum Zug gekommen. Und wenn andere Friedhöfe in Berlin ausgeschrieben werden, werden wir an der öffentlichen Ausschreibung teilnehmen. Grundsätzlich haben wir darin Erfahrung. In München und Umgebung bewirtschaften wir bereits sehr viele Friedhöfe im Auftrag verschiedener Gemeinden. Das ist für uns attraktiv, weil wir die individuelle Grabpflege mit der allgemeinen Landschaftspflege auf dem Friedhof verzahnen können. Hierdurch ergeben sich Kostenvorteile für die Nutzer.

Würden Sie auch gern Krematorien betreiben?

Wir sind sogar sehr daran interessiert. Vorausgesetzt, die Krematorien lassen sich wirtschaftlich betreiben. In Berlin sind derzeit alle Krematorien in öffentlicher Hand.

Wie wollen Sie sonst noch wachsen?

Unser Ziel ist klar: Wir wollen in allen regionalen Märkten in Deutschland präsent sein und unsere Marktanteile ausbauen. In den Märkten, in denen wir präsent sind, haben wir durchschnittlich einen Marktanteil von acht bis zehn Prozent, teilweise auch höher. Die Märkte sind insofern regional, als beispielsweise die Bestattungskultur in Großstädten eine völlig andere ist als in ländlichen Regionen.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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