Analyse : Wie konnte Arcandor so tief in die Krise rutschen?

Arcandor drohen Stellenabbau, starke Verluste und die Trennung von Edelkaufhäusern wie dem KaDeWe. Wie konnte der Handels- und Touristikkonzern so tief in die Krise rutschen?

Andreas Menn

Arcandor (Karstadt Quelle, Thomas Cook) steht ein harter Sanierungskurs bevor. Karl-Gerhard Eick, der im März als neuer Vorstandschef angetreten war, hat am Sonntag dem Aufsichtsrat ein Konsolidierungsprogramm vorgestellt, das den Konzern aus der Krise manövrieren soll. In einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ sprach Eick von einer „schweren Lage“. Auch den Verkauf des Berliner KaDeWe schloss er nicht aus.

Warum ist Arcandor akut in Notlage?

Der Konzern ist hoch verschuldet. „Ohne die Unterstützung der Finanzwelt, der Banken, wird dieses Unternehmen nicht bestehen können“, sagte Eick in einer Mitarbeiterzeitung. Bis Juni muss Eick die Verlängerung oder Refinanzierung eines Kredits in Höhe von 650 Millionen Euro sicherstellen, den die Royal Bank of Scotland, die Bayern LB und die Dresdner Bank (heute Commerzbank) dem Unternehmen gewährt haben. Nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Euro am Sonntag“, die sich auf Bankenkreise beruft, benötigt der Konzern außerdem zusätzliche Kredite von bis zu 800 Millionen Euro und eine Kapitalerhöhung. Der Konzern hat keine Reserven mehr, die Eigenkapitalquote liegt bei mageren neun Prozent. Schon im September konnte sich Arcandor nur mit Mühe vor der Pleite retten und sich neue Kredite sichern. Von Oktober bis Dezember betrug das Minus 58 Millionen Euro. Im vergangenen Geschäftsjahr (2007/08) schrieb Arcandor rote Zahlen in Höhe von insgesamt 745,7 Millionen Euro. Als Grund nannte der Konzern Restrukturierungskosten durch den Verkauf von Geschäftsteilen und außerordentliche Steuerbelastungen.

Was sind die Probleme bei Arcandor?

Das größte Sorgenkind ist die Warenhaustochter Karstadt: 273 Millionen Euro Verlust machte sie im vergangenen Geschäftsjahr, das im September 2008 endete – deutlich mehr als im Vorjahr. Verlustbringer waren auch die Medienkaufhäuser WOM (1,8 Millionen Euro Jahresverlust) und Karstadts Supermärkte. Die Versandtochter Quelle verbesserte ihr Jahresergebnis zwar, machte jedoch immer noch einen Verlust von 41 Millionen Euro. Seit Jahren leiden die großen Warenhausketten unter ihrer Mittelstellung zwischen Discountern und Fachhändlern und kämpfen mit sinkenden Gewinnen, während die Mieten in teuren Innenstadtlagen steigen. Finanzkrise und Rezession haben das Problem nun verschärft. Banken und Eigentümer zögern mit neuen Finanzhilfen, während die Kauflaune mit steigender Arbeitslosigkeit sinkt. Jüngstes Opfer der Warenhauskrise ist die Kette Woolworth, die am vergangenen Dienstag Insolvenz anmelden musste. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels rechnet vor allem bei den teuren Läden in Innenstadtlage mit sinkenden Umsätzen, weil die Konsumenten wieder stärker auf den Preis achten.

Welche Rolle spielt Ex-Vorstandschef Thomas Middelhoff?

„Gut geordnet und aufgeräumt“ übergebe er den Konzern, lobte Thomas Middelhoff sich Ende Februar bei seiner Verabschiedung als Arcandor-Chef selbst. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, und es ist nicht der erste Misserfolg des Managers. 1998 war Middelhoff beim Medienkonzern Bertelsmann als Vorstandschef angetreten und hatte wenig später mit dem Verkauf von Anteilen am Internet-Konzern AOL ein Milliardengeschäft gemacht. Doch dann verhob sich der Manager mit einer Beteiligung an der Musiktauschbörse Napster, die Bertelsmann weit über 300 Millionen Euro an Bußgeldern kostete. Mit dem Versuch, Bertelsmann an die Börse zu bringen, verspielte Middelhoff die Zustimmung der Eigentümerfamilie, Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn setzte ihn vor die Tür. Dass Middelhoff Chef bei Arcandor wurde, verdankte er der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz. Die Milliardärin, die damals 36 Prozent an KarstadtQuelle hielt, fürchtete den Absturz des Handelsunternehmens und verschaffte Middelhoff als Krisenretter den Posten des Aufsichtsratschefs. Dort aber blieb Middelhoff nicht lange. Er hievte im Frühjahr 2002 Vorstandschef Achenbach vom Thron, setzte sich selbst an die Spitze und versprach großspurig den Anstieg des Börsenkurses auf über 40 Euro. Doch Middelhoff hatte die Probleme des Konzerns deutlich unterschätzt, vor allem die miserable Lage des Kaufhaus-Geschäfts. Als die Zahlen bekannt wurden, stürzte die Arcandor-Aktie von rund 30 Euro auf unter zwei Euro ab. Der Konzern machte neue Schulden in Milliardenhöhe, obwohl Middelhoff großzügig wichtige Konzernteile verscherbelte, um bestehende Kredite abzuzahlen. Nacheinander verkaufte er die Kaffeehäuser von Starbucks, die Filialisten Runners Point und Golf House, die Ketten Wehmeyer und Sinn-Leffers, das Versandhaus Neckermann, Karstadts IT-Tochter und 70 kleinere Karstadt-Häuser. Obendrein verkaufte Middelhoff sämtliche Warenhaus-Immobilien, eine Transaktion von 4,5 Milliarden Euro, um sie teilweise zu sehr hohen Preisen zurückzumieten. Neuen Antrieb verschaffte er dem Konzern damit nicht. Stattdessen demoralisierten fünf Jahre Umbau und Entlassungen die Mitarbeiter, die außerdem jahrelang auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten mussten. Und auch mit den Aktionären verscherzte es sich Middelhoff – spätestens mit einer Kommunikationspanne im September, die einen erneuten Einbruch der Arcandor-Aktie auslöste. Der Konzern hatte zunächst Verkäufe von Beteiligungen an der Tourismustochter Thomas Cook dementiert, um dann nach Börsenschluss einzuräumen, dass solche Schritte durchaus überprüft würden. Daraufhin forderte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) den Rücktritt Middelhoffs. Arcandor habe die Glaubwürdigkeit bei den Anlegern endgültig verspielt. Ende September 2008 gelang es Middelhoff noch, sich mit den Banken auf eine Refinanzierung zu einigen. Dann gab er seinen Abgang bekannt. Für 2007/08 kassierte er noch neben seinem Jahresgehalt von 1,2 Millionen Euro einen Bonus von 2,3 Millionen Euro.

Wie geht es weiter mit Arcandor?

Eick hat bei seinem Antritt als Konzernchef eine Zerschlagung Arcandors nicht ausgeschlossen. Diskutiert wird eine Fusion der Karstadt-Warenhäuser mit der Metro-Tochter Kaufhof. Doch Metro-Vorstand Eckhard Cordes sperrt sich dagegen. Nun prüft Eick, ob der Konzern Hilfen vom Land Nordrhein-Westfalen bekommen kann, wo Arcandor seinen Firmensitz hat. Hilfe verspricht er sich auch vom 100 Milliarden Euro Wirtschaftsfonds der Bundesregierung. Die Chancen auf Staatshilfe stehen nicht schlecht, denn vor der Bundestagswahl wollen die Parteien den Verlust von Arbeitsplätzen vermeiden. Und Arcandor ist mit 76 000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber Deutschlands.

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