Wirtschaft : Analysten erwarten Sommerloch

Börse hält den Terror aus – doch der Dax schwächelt

Henrik Mortsiefer

Berlin - Anleger am Aktienmarkt sollten sich auf eine eher schwache Kursentwicklung in den kommenden Wochen vorbereiten. Experten glauben zwar nicht, dass die Terrorakte von London die Börsen in Turbulenzen stürzen. „Wahrscheinlich stellen die Anschläge jedoch einen negativen Verstärker für sich ohnehin abzeichnende negative Entwicklungen dar“, glauben die Analysten von Helaba Trust. Auf mittlere Sicht sind die meisten Aktienstrategen allerdings wieder optimistischer. In Erwartung eines Regierungswechsels im Herbst rechnen viele mit einem steigenden Dax bis Ende 2005.

Vorher sei allerdings eine „längere Konsolidierungsphase in den Monaten August und September“ nicht ausgeschlossen, glauben die Analysten der DZ Bank. Diese Beruhigung sei aber schon vor den Anschlägen „wünschenswert“ gewesen, weil der Dax in wenigen Wochen stark zugelegt habe, sagt Aktienstratege Stefan Schießer. Seit der Ankündigung von Neuwahlen am 22. Mai gewann der Dax 5,5 Prozent hinzu. Den aktuellen Stand von rund 4600 Punkten hatte er zuletzt vor drei Jahren markiert. Einen Rückfall bis auf rund 4400 Punkte halten Experten für nicht unwahrscheinlich.

„Es ist realistisch, dass im Sommer einige Anleger Gewinne einstreichen“, erwartet auch Martin Ottmann, Leiter der Vermögensverwaltung der Weberbank. Mit den Anschlägen habe dies aber wenig zu tun. Vielmehr seien die Zinsen weiter niedrig, die besten Unternehmensdaten bekannt und die Konjunkturindikatoren auf dem Weg nach unten. Da die Kurse am Rentenmarkt aber ungehindert steigen (bei gleichzeitig sinkenden Renditen) und Anleihen höher bewertet sind als Aktien, bleiben die fundamentalen Vorteile für Aktien bestehen. Die Situation sei nicht vergleichbar mit den Anschlägen von Madrid im März 2004, glauben Analysten. Damals fiel der Dax in zehn Handelstagen um acht Prozent und brauchte danach acht Tage, um diese Verluste wieder aufzuholen.

Für Anleger, die schon an der Börse engagiert sind, heißt das: Aktien sollten jetzt nicht hektisch verkauft werden. „Wir haben auch nichts verkauft und den Einbruch am Donnerstag überbrückt“, sagt Martin Ottmann. Für Neueinsteiger empfiehlt sich allerdings Vorsicht. Erst, wenn der Dax seine Abwärtskorrektur hinter sich hat, sollte an Käufe gedacht werden. Ottmann empfiehlt, sich dann – bei weltweiter Streuung – Pharma-, Banken- und Telekomtitel anzusehen. DZ-Bank-Stratege Schießer rechnet auch am Ölmarkt mit einer Entspannung. „Sinkende Rohstoffpreise könnten wie ein Katalysator für steigende Aktienkurse wirken.“ Dass die Börsen die Anschläge so gut verkraftet haben, wundert wenige Experten: „Die Märkte sind emotional – aber sie haben gelernt, Schocks schneller zu verarbeiten“, sagt Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba.

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