Wirtschaft : Analysten glauben fest an die Großfusion im deutschen Bankgeschäft - Die Frage bleibt: Wer mit wem?

Georg Jakobs

Martin Kohlhaussen bleibt konsequent. Unermüdlich erklärt der Vorstandssprecher der Commerzbank, die deutschen Großbanken im Allgemeinen und sein Haus im Besonderen brauchten keine Fusionen. Sie seien groß genug, um international bestehen zu können. Die Vorteile von Bankenfusionen würden im Übrigen oft überschätzt, die Erwartungen in der Regel enttäuscht.

Genauso unermüdlich wie Kohlhaussen seine Ansicht vorträgt, behaupten Branchenanalysten das Gegenteil. Sie beharren darauf, dass die deutschen Großbanken auf Dauer nicht um Fusionen herumkommen werden. Ihre Argumentation: Die Marktkapitalisierung der deutschen Bilanzriesen ist zu mickrig, als dass sie im europäischen Konsolidierungsspiel eine Hauptrolle übernehmen könnten. Der Börsenwert ließe sich nur durch eine Verbesserung der Ertragskraft steigern, was wiederum nur durch niedrigere Kosten und höhere Marktanteile gelingen könne. Der schnellste Weg dorthin seien Fusionen. Weil die Branchenkonsolidierung in weiten Teilen Europas viel weiter fortgeschritten sei als in Deutschland, müssten die hiesigen Banken nachziehen. Sonst seien sie in Europa aus dem Rennen.

An der Börse hat sich diese Sicht der Dinge längst durchgesetzt. Fusionen im deutschen Bankensektor gelten deshalb nur noch als eine Frage der Zeit. Schon früh im nächsten Jahr, so die kühnsten Prognosen, könnten Dresdner und HypoVereinsbank zusammenfinden. Die Kombination gilt als die wahrscheinlichste. Denn die Häuser würden sich gut ergänzen und haben mit der Allianz einen gemeinsamen Großaktionär. Die Fusion aber würde der Branchenprimus kaum auf sich sitzen lassen, wird spekuliert. Die Deutsche Bank könnte dann nach der Commerzbank greifen. Vorerst tot ist die Idee einer Verbindung von Deutscher und Dresdner. Sie war das Lieblingskind vieler Analysten, weil sie die größten Synergieeffekte gebracht hätte.

Wegen der anhaltenden Fusionsgerüchte war mit Aktien deutscher Großbanken 1999 gutes Geld zu verdienen. Deutsche und Dresdner haben seit Jahresanfang und bis zur Wochenmitte jeweils rund 37 Prozent zugelegt, die Commerzbank bringt es auf knapp 22 Prozent. Sogar die HypoVereinsbank, die lange unter den Folgen ihrer Fusion gelitten hat, holte in den letzten Wochen auf und liegt für 1999 mit gut drei Prozent im Plus.

Die Frage ist, ob noch Luft nach oben bleibt. Wie immer sind die Analysten geteilter Ansicht, doch viele sind skeptisch, so manches Kursziel ist erreicht. "Das einfache Geld ist schon verdient", meint Stuart Graham von J.P. Morgan Securities. Und die BHF-Bank schreibt, nach der überdurchschnittlichen Performance der Großbankenaktien in den letzten sechs Monaten sei die Fusionsspekulation "in den Kursen in erheblichem Umfang enthalten".

Ohne die Fusionsphantasie als Treibsatz für die Kurse blieben nur noch die Fundamentaldaten. Doch aus den unlängst vorgelegten Neun-Monats-Zahlen lässt sich kein Honig saugen. Sie lagen weitgehend im Rahmen der Erwartungen und haben daher nichts bewegt. "Gäbe es nur die Fundamentaldaten, deutsche Bankaktien wären eher langweilig", spottet ein Londoner Branchenanalyst.

Ein generelles Urteil ist damit freilich nicht gesprochen. Nach wie vor fehlt es nicht an positiven Stimmen. So lässt die operative Entwicklung etwa bei der Deutschen Bank einigen Analysten zufolge Raum für weitere Kursgewinne. Ralf Dibbern von M.M. Warburg sieht für die nächsten Jahre eine erhebliche Ergebnisdynamik durch die Integration von Bankers Trust. Bereits im Mai hatte er die Deutsche Bank auf "Kauf" gestellt. Dieses Urteil steht nach wie vor, ebenso sein Kursziel von 75 Euro. Selbiges traut der Aktie auch die BHF-Bank zu, die sie als einzige der Großbanken als Kauf eingestuft hat, während die drei anderen Titel wie bei M.M. Warburg zum Halten empfohlen werden.

Etwas ins Hintertreffen ist in jüngster Zeit die Commerzbank geraten. Analysten vermissen konkrete Schritte, Kohlhaussens Konzept der "Wahlverwandtschaften" - europäischer Kooperationen, unterlegt mit Beteiligungen - mit mehr Leben zu erfüllen. Trotz der Abneigung des Bankchefs gegen Fusionen meinen sie aber, dass die Commerzbank beim großen Konsolidierungsspiel nicht außen vor bleiben wird. Derzeit aber stehen andere im Rampenlicht, namentlich Dresdner und HypoVereinsbank, deren Fusion die Märkte praktisch schon vorweggenommen haben. Mit der operativen Ergebnisentwicklung seien die jüngsten Kurssteigerungen jedenfalls nicht zu erklären, meint Dibbern. Doch obgleich die Werte in dieser Hinsicht vorerst ausgereizt scheinen, finden sie auch weiterhin ihre Anhänger.

Bei Salomon Smith Barney etwa gilt die Dresdner-Aktie nach wie vor als Kauf und als erste Wahl unter den heimischen Banktiteln. Fast euphorisch "äußert sich Goldman Sachs. Dort wird die Dresdner weiter auf der "Recommended List" geführt. Die Analysten setzen darauf, dass der Vorstand eine interne Restrukturierung einleiten und die Chancen zur Konsolidierung ergreifen wird.

Die Hypo-Vereinsbank schließlich steht nach Ansicht vieler Analysten nach der Bereinigung der Immobilien-Altlasten der ehemaligen Hypo-Bank vor einer Wende im operativen Geschäft. In den nächsten Jahren stünden starke Gewinnsteigerungen an, meint etwa Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck. Er hat die HypoVereinsbank aus diesem Grund gerade erst auf "Outperformer" hochgestuft. Alle Prognosen über die Entwicklung deutscher Bankaktien können aber Makulatur werden, weil in der Branche alles möglich scheint. Sicher ist nur: Es liegt etwas in der Luft. Der Rat von Analyst Graham: "Wenn ich die Aktien heute hätte, würde ich sie nicht verkaufen."

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