Wirtschaft : Analysten setzen auf Microsoft-Aktie

Veronika Csizi

Schon seit Monaten hatte die Computerindustrie auf den 25. Oktober 2001 gewartet. Das neue Betriebssystem XP von Microsoft, gepriesen als die umfassendste Neuerung seit der Einführung von Windows und seit diesem Mittwoch auf dem Markt, soll eine ganze Branche wieder aus dem Tal der Tränen führen. Nicht nur die neue Software, sondern gleich auch einen neuen PC sollen sich die Kunden kaufen und damit verhindern, dass die PC-Industrie in diesem Jahr erstmals seit 1986 weniger Computer absetzen kann als im Vorjahr.

Rund 430 Millionen Mark, so schätzt das Marktforschungsunternehmen IDC, wird Microsoft ausgeben, um PC-Nutzer weltweit von den Vorzügen der neuen Software zu überzeugen. Nach Schätzungen von IDC wird Microsoft sein neues Zugpferd im kommenden Jahr etwa 73 Millionen Mal verkaufen können. Ein Scheitern der Neueinführung wäre für den Softwareriesen fatal, erwirtschaftet die Sparte Betriebssysteme doch den Löwenanteil des Umsatzes von insgesamt 25 Milliarden Dollar.

Die schwächelnde Konjunktur, schleppende PC-Umsätze und eine zunehmende Marktsättigung haben auch dem Softwaregiganten schwer zu schaffen gemacht. Seit dem Börsengang im Jahr 1986 legte Microsoft bis 1999 jedes Jahr Wachstumsraten von über 30 Prozent hin. Seit letztem Jahr müssen sich die Anleger mit weniger als 20, zuletzt sogar nur noch knapp zehn Prozent zufrieden geben. Im Jahr 2000 schien das Unternehmen schon dem Ende nahe: In einem Kartellverfahren wegen marktbeherrschender Stellung drohte die Zerschlagung in drei unabhängige Unternehmensteile, Anwender wandten sich von Microsoft ab, Firmengründer Bill Gates verließ den Vorstandsvorsitz. Hinzu kam der Crash der Technologiewerte. Die Aktie stürzte von ihrem Hoch am 24. März 2000 bei 118 Euro bis Dezember 2000 auf knapp 47 Euro ab.

Doch Microsoft kehrte zurück. Gates nutzte den Rückzug aus dem Tagesgeschäft, um neue Strategien aufzutun. Im Fokus steht dabei weniger Windows XP als vielmehr die ".net" ("Dot net")-Initiative, die die alten Wachstumsraten zurückbringen soll. Der Strategiewechsel wird laut Microsoft-Boss Steve Ballmer "ebenso revolutionär sein wie der Wechsel von DOS zu Windows". Statt auf dem PC soll der Anwender seine Programme und Daten im Internet speichern beziehungsweise Software über das Internet "mieten". Microsoft will zum Datendienstleister werden und gleichzeitig die Betriebssoftware für das Web herstellen - ein Markt, der laut Gartner Group jedes Jahr um 20 Prozent wachsen wird. Und der Softwarekonzern schafft sich gerade ein weiteres Standbein: Rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft kommt am 15. November - zunächst in den USA - die X-Box auf den Markt, eine internettaugliche Spielkonsole, die Sonys Playstation und Nintendo das Leben schwer machen will.

Für das laufende Quartal rechnet Microsoft mit einem Umsatzplus von etwa zwölf Prozent - von 6,5 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal auf dann 7,3 Milliarden. Im letzten Vierteljahr stieg der Erlös nur um 5,3 Prozent, aber trotzdem stärker als von Analysten erwartet. Bei der Prognose seiner operativen Gewinne ist Microsoft indes vorsichtig: Nach 3,2 Milliarden im Vorquartal sind jetzt nur noch 2,9 bis drei Milliarden anvisiert. Gleichwohl bedeutet dies, dass die Gewinnmargen noch bei 50 Prozent liegen.

Die meisten Analysten sehen in der Aktie aktuell einen klaren Kauf. Credit Suisse First Boston hat das "Strong buy"-Votum gerade bekräftigt und sieht den Kurs auf Sicht von zwölf Monaten bei 100 Dollar. Am Donnerstag nachmittag notierte die Aktie in Frankfurt bei 68 Dollar. Auch ABN Amro, JP Morgan Chase, Merrill Lynch und Prudential Securities vergeben Kaufvoten, wenn auch mit deutlich niedrigerem Kursziel. Ein Microsoft-Dossier mit dem gleichen Fazit haben die Analysten der Deutschen Bank Alex Brown zusammengestellt. Microsoft, so heißt es, "bleibe eine der wenigen verbliebenen Supermächte im Technologiesektor". An dem Papier führe "kein Weg vorbei". Das sehen die meisten Fondsmanager ebenso: In 300 Technologiefonds ist Microsoft unter den zehn wichtigsten Positionen zu finden, meist sogar an erster Stelle. Nur: Wer kauft das Papier dann noch? Die bisher erzielten Kursgewinne sind gleichwohl beachtlich: Wer die Aktie vor 15 Jahren gekauft hat, dem bleiben selbst nach dem Technologiecrash immer noch Gewinne von 25 000 Prozent. Eine Garantie für die Zukunft ist das natürlich nicht.

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