Wirtschaft : Analysten trauen nur ausgewählten Aktien eine Aufholjagd zu

Michael Maisch

"Qualitätsware günstig abzugeben" - mit diesem Werbeslogan könnte man zurzeit auf Kundenfang für die kleineren deutschen Aktien gehen. Denn während die Schwergewichte im Deutschen Aktienindex (Dax) auf Rekordjagd gingen, traten die im MDax notierten 70 wichtigsten Nebenwerte und das Kleinwertesegment Smax quasi auf der Stelle. Aufholpotenzial ist also reichlich vorhanden, doch der Konkurrenzkampf wird härter: Inzwischen müssen sich die klassischen Nebenwerte nicht nur gegen die großen Brüder aus dem Dax, sondern auch gegen die "Emporkömmlinge" aus dem Neuen Markt durchsetzen. Blickt man auf das fundamentale Umfeld am deutschen Aktienmarkt, dann stehen die Chancen für die "Kleinen" eigentlich nicht schlecht: Nebenwerte haben in der Vergangenheit immer dann aufgeholt, wenn die Konjunktur gut lief und die Unternehmensgewinne zu steigen begannen. Genau dieses Szenario zeichnen die meisten Analysten für 2000.

"Viele Nebenwerte sind derzeit im Vergleich zum Dax sehr günstig bewertet", meint Heiko Bienek, Leiter Aktien bei Independent Research. Das durchschnittliche Kurs-GewinnVerhältnis (KGV) im Dax liege mittlerweile bei 27, der MDax hinke mit einem KGV von 16 deutlich hinterher. Bienek: "In diesem Jahr haben konjunktursensible Aktien, die im MDax und im Smax besonders stark vertreten sind, gute Chancen".

Zurzeit blicke zwar alles noch auf Medien-, Technologie- und Finanzwerte, weil hier die Fantasie am größten sei, aber das könne sich schnell ändern. "Sobald es am Neuen Markt und beim Dax einmal nicht so gut läuft, werden die konjunktursensiblen Nebenwerte schnell das Interesse der Anleger wecken", glaubt Bienek. Im vergangenen Jahr hatten die "kleinen" Aktien schon einmal die Nase vorn, zumindest bis in den Oktober hinein. Der MDax kletterte bis dahin um 4,5 Prozent, der SDax legte um mehr als fünf Prozent zu. Bei den großen Standardwerten fiel der Zuwachs dagegen mit knapp vier Prozent mager aus. Doch dann setzte der Dax zu seiner ungewöhnlich dynamischen Jahresendrallye an, die das Marktbarometer innerhalb von nur drei Monaten um mehr als ein Drittel nach oben trieb.

In der Jahresabrechnung hatten die Nebenwerte wieder einmal das Nachsehen. Der MDax lag zum Ultimo gerade mal mit 2,8 Prozent im Plus, beim Smax fiel der Zuwachs mit 4,6 Prozent nicht viel höher aus. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich nach Meinung von Peter Ott, Manager des SMH-Mid-Cap-UBS-Fonds auch in diesem Jahr ab. "Die Nebenwerte haben im Prinzip nur dann eine Chance, wenn es mit dem Dax oder dem Neuen Markt bergab geht", sagt er. "Solange die Hausse anhält, bleiben die Standard- und die Wachstumswerte die Favoriten der Anleger." Mit einer längeren und deutlichen Korrektur des Kursanstiegs der vergangenen Monate rechnet Ott aber nicht. Im Gegenteil, er sieht den Dax bereits auf dem Weg Richtung 8000 Punkte.

M-Dax leidet unter dem Euro

Sascha Hirsch, Fondsmanager bei der Dresdner-Bank-Tochter DIT, bewertet die Problematik der Nebenwerte ähnlich. Vor allem der MDax habe an Bedeutung verloren. "Wir beobachten, dass die Anleger zunehmend Kapital aus dem Index der zweiten Reihe ins Wachstumssegment Neuer Markt umschichten", berichtet er. Dabei leidet der MDax vor allem unter der Einführung des Euros und den damit verbundenen Umwälzungen an den Aktienmärkten. Der Blick der großen, institutionellen Investoren richtet sich immer stärker auf die Eurozone. Als Bewertungsmaßstab dienen jetzt oft europäische Indizes, etwa aus der Euro-Stoxx-Familie. Die nationalen Kursbarometer verlieren dagegen an Bedeutung.

"Durch die Internationalisierung ist der MDax quasi von der zweiten in die dritte Liga abgestiegen", erläutert Hirsch. Dazu komme ein massives Kommunikationsproblem. Die Unternehmen am Neuen Markt und in Zukunft auch die Smax-Titel müssen Zwischenberichte nach IAS oder US-GAAP, den internationalen Rechnungslegungsstandards, vorlegen. Für den MDax gibt es dagegen keine vergleichbaren Regeln. Die Folge: ernste Defizite bei der Information der Investoren. Eine Studie der Unternehmensberatung Arthur Andersen zeigt, dass nur 27 Prozent der im MDax vertretenen Unternehmen aussagekräftige Renditekennziffern vorlegen. Darüber hinaus haben nur 17 Prozent der Werte aus der zweiten Reihe ihre Rechnungslegung bereits auf IAS oder US GAAP umgestellt. "Wenn die Kommunikation nicht internationalen Ansprüchen genügt, wird es schwierig, die Anleger zu überzeugen", lautet Hirschs skeptisches Fazit. Deshalb räumt der Fondsmanager dem MDax in diesem Jahr kaum Chancen auf überdurchschnittliche Kursgewinne ein.

Etwas optimistischer sieht er die Lage auf Grund der schärferen Informationspflichten für die Kleinwerte im Smax. Aber insgesamt werde die Liquidität wohl weiter vor allem in Richtung Dax und Neuer Markt fließen. Im Wachstumssegment der Frankfurter Börse hat auch Hirschs Fonds, der DIT-Spezial, rund 70 Prozent seines Kapitals investiert. Zahlreiche andere Nebenwerte-Fonds haben denselben Weg beschritten und nutzen den Neuen Markt, um ihre Rendite aufzupeppen. Aber auch im MDax und im Smax warten trotz aller Skepsis noch Perlen auf ihre Entdeckung. Denn in einem Punkt sind sich Experten einig: Gerade bei kleinen Aktien spielt das Marktsegment nicht die entscheidende Rolle. Auf die Auswahl der Titel kommt es an, und hier tun sich enorme Unterschiede auf.

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