Wirtschaft : Anatomie und Feile

Orthopädiemechaniker müssen handwerklich ebenso bewandert sein wie medizinisch

von

Irgendwann wird sie Arme und Beine herstellen. Künstliche versteht sich. Deshalb musste Sarah Djouchadar zu Beginn ihrer Ausbildung erst einmal feilen und sägen lernen. Und den Unterschied zwischen Holz und Metall. „Ich muss schon viel wissen und können, bevor ich zum ersten Mal eine Prothese baue“, sagt die 21-Jährige. „Das wird richtig spannend, wenn ich dann selbst einen Schaft für ein künstliches Körperteil gießen darf.“ Noch ist es nicht so weit, denn sie ist erst im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Orthopädiemechanikerin und Bandagistin. Dreieinhalb Jahre lernt sie insgesamt.

Später wird es dann zu ihren Aufgaben gehören, mit Menschen zu sprechen, denen ein Arm oder ein Bein fehlt. Sie wird „den Stumpf angucken, beurteilen inwieweit der verheilt ist und mit den Ärzten reden“, sagt Sarah Djouchadar. Deshalb muss sie auch noch viel Anatomie und anderes medizinisches Fachwissen büffeln. Sie ist voller Begeisterung für den Beruf, den sie bei der Firma Paul Schulze Orthopädie und Bandagen GmbH in Kreuzberg erlernt: „Die Leute, die zu uns kommen, sind oft traurig und demotiviert und wir können ihnen dann helfen,indem wir ihnen die Möglichkeit geben, wieder zu laufen.“ Die Reaktionen erlebt sie schon heute im Arbeitsalltag, auch wenn sie die Prothesen noch nicht selbst baut: „Das schönste ist, zu sehen, wenn die Leute plötzlich wieder motiviert sind – manchen hilft man im wahrsten Sinne des Wortes auf die Beine.“

Aber nicht nur um künstliche Gliedmaße geht es in dem Beruf, sondern auch um so genannte Orthesen. „Die brauchen Patienten, um ein vorhandenes Körperteil zu stützen“, erklärt die Auszubildende. Ein Korsett etwa sei eine Orthese, ebenso eine Bandage oder eine Halskrause. Neulich durfte Sarah Djouchadar selbst so eine Leibbinde, die man auch Korsett nennt, nähen. „So etwas wird etwa nach Operationen gebraucht, um die Bauchwand zu stützen oder die Wirbelsäule zu entlasten“, sagt sie. „Oder zur Korrektur, wenn sie wie bei Kindern mit Skoliose verdreht ist. Die Leute kommen mit einem Rezept zu uns und wir entscheiden, was wir wie nähen.“

An dem Beruf mag sie vor allem, dass sie „mit Menschen arbeiten“ kann. Deshalb weiß sie auch noch nicht, ob sie später ihr Wissen mit einem Studium der Orthopädietechnik vertiefen will. „Nach dem Studieren gehen die meisten eher in Richtung Entwicklung“, sagt sie. Da würden ihr dann die Menschen im Alltag fehlen.Das Kriterium ihrer Berufswahl war schließlich: „Irgendetwas, womit ich Menschen helfen kann.“ Und Sarah Djouchadar hat lange überlegt, wie sie das nach dem Abitur anstellen sollte. Ein Studium der Medizin oder Pharmazie war ebenfalls in der engeren Auswahl. Denn: „In der Schule war ich Naturwissenschaften gut. Das war mein Ding.“ Als Leistungskurs hatte sie Chemie. Der Numerus Clausus schreckte sie trotzdem vom Medizinstudium ab.

Oft hat sie mit ihrem Vater, einem Chirurgen, über die möglichen Berufe diskutiert. Schließlich brachte er sie auf die Idee, es mit der Ausbildung zur Orthopädiemechanikerin zu versuchen: „Und jetzt bin ich ganz glücklich darüber, dass ich nicht studiert habe.“ Später kann sie ihren Meister machen. Und dabei weiter Menschen helfen. Daniela Martens

Mehr Informationen zur Ausbildung: www.medinet-ausbildung.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar