Andere Zeiten, andere Berufe : Der Kaffeeriecher

Kaffee trinken durfte in Preußen jeder, rösten nicht – Friedrich II. füllte mit einer Luxussteuer auf die Bohnen die Staatskasse. Über die Einhaltung des Verbots wachten professionelle Schnüffler: Rüpel, die ihre Nase in jedes Haus stecken durften.

Michaela Vieser,Irmela Schautz (Illustration)
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Kaffeeriecher -Illustration: Irmela Schautz.

Der Kaffee passte gut zu den Preußen. Er verlieh einen wachen Kopf und scharfe Gedanken. Doch wer hätte damals, anno 1781, am Hofe Friedrich des Großen geahnt, welche Rolle der Kaffee einmal im Alltagsleben der Berliner einnehmen würde. Und nicht nur der Berliner! Dass er sogar einmal weltweit zum zweitgrößten Exportgut gleich nach dem Erdöl werden würde?

Zur Machtzeit des Preußenkönigs wurde das Genussgetränk noch keine hundert Jahre in den Schänken Europas angeboten, und im hohen Norden war dem schwedischen König Gustav III. das ausländische „Schlürff-getränk“ so unheimlich, dass er ein menschliches Experiment durchführen ließ: Um zu beweisen, dass Kaffee ein Gift sei, gab er zwei Gefängnisinsassen Kaffee beziehungsweise Tee zu trinken. Binnen weniger Wochen, da war er sich sicher, würde der Kaffeetrinker dahinsiechen. Der Versuch brachte allerdings nicht das erwartete Ergebnis. Erst starb der Arzt, der die Gefangenen überwachte. Dann starb der zweite Arzt. Das Experiment lief weiter. 1792 wurde König Gustav ermordet, und irgendwann, im Alter von 83 Jahren starb dann – der Teetrinker. Der Kaffeetrinker wurde entlassen. Wie alt er wurde, weiß heute niemand mehr.

Aber es war ja auch ein seltsames Getränk, dieser Kaffee. Er kam aus dem Morgenland. Verdächtig! Dort wurde er „Blitz gegen die Migräne“ genannt, oder die „Milch der Schachspieler und Denker“. Seit der aus Äthiopien stammende Strauch im Jemen angebaut wurde, gab es genug Nachschub, um alle Kaffeehäuser von Byzanz bis Bagdad damit zu versorgen. Diese trugen Namen wie „Schule der Gebildeten“, was unterstrich, wozu Kaffee befähigen sollte. Doch nicht nur dazu: Das türkische Heer trug die Kaffeebohnen säckeweise mit auf das Schlachtfeld von Wien, wo sie aufgefunden wurden, als das verbündete Abendland die Feinde in die Flucht geschlagen hatte.

Allerdings brauchte es reichlich Sahne und Zucker, um den schwarzen Trunk den Wienern schmackhaft zu machen. Und es bedurfte der Eleganz der Franzosen, des Know-hows der Holländer und der Tüchtigkeit der Hugenotten, um das Getränk auf Umwegen in den Metropolen Deutschlands zu etablieren. Friedrich Wilhelm half nach und ließ in Berlin Kaffeehäuser an prominenten Standorten errichten. Das sogenannte Café Royal bot das neue Luxusgetränk da an, wo heute der Berliner Dom steht, gegenüber dem Stadtschloss. Denn Friedrich Wilhelm erkannte: Mit Luxusartikeln ließ sich die Staatskasse füllen! So wurde zusammen mit Tee, Schokolade, Schaumwein und Fruchteis auch der Kaffee zum Luxusgut deklariert und entsprechend besteuert.

Der Plan ging auf: Mitte des 18. Jahrhunderts zelebrierten feine Berliner, Leipziger und Hamburger die Kaffeetafel. In einem Berliner Tagebucheintrag aus dieser Zeit ist zu lesen: „Sollte es etwas feiner zugehen und mehr auf den Tisch gestellt werden, dann lud sich z. B. ein unverheirateter Orgelmachergesell seine Gäste zum Sonntagnachmittag ein und setzte ihnen wohlpraeparierten Caffee, Rheinwein und mürben Zwieback vor. Eine Jungfer, die zum Kaffee gebeten hatte, reichte nach dem Caffee Pflaumen und Weintrauben. Auch Frau von Dorn, die auf dem Molkenmarkt im Schwerinschen Palais wohnt, akkommodierte ihre Gäste mit Caffee, kleinen Zuckerprezeln und Weintrauben. Den Herren wurde nach dem Caffee oder Tee wohl schöner Aquavit und frische Semmeln angeboten“. Und 1744 berichtet die kurmärkische Domänenkammer: dass der „Kaffeekonsum fast jeden und sogar den geringsten Leuthen zur Natur geworden“ sei.

Es war also geschafft: Der Kaffee war beim Volk angekommen. Doch dann übertrieb es der Preuße mit seinen Steuern. Die Steuerbelastung machte 150 Prozent des Kaufpreises von Kaffee aus. Ein Lot Kaffee, also 17 Gramm, kostete so viel wie das Tagesgehalt einer Spinnerin. Wer sollte sich das leisten?

Vieser
Durch die Welt der verschwundenen Berufe führt Sie die Journalistin und Autorin Michaela Vieser (r.). Von ihr erschien zuletzt das...Foto: privat


Ein neuer Geschäftszweig tat sich auf: der Kaffeeschmuggel, der ja auch nicht sonderlich schwierig war. Die ungerösteten Bohnen verbreiteten keinen Geruch, und selbst geringe Mengen waren für den Schmuggler lohnenswert. Auf Heukarren, Kohlekähnen und Holzfuhrwerken passierten die Kaffeebohnen die Stadttore. Marktfrauen schleppten ihn in eigens dafür entworfenen Brustbinden zu ihren Kunden.

„Die Lebensbedeutung eines Stoffes erkennt man am besten an dem Schatten, den er auf das Rechtswesen wirft“, schrieb 1934 der Begründer des modernen Sachbuchs, Heinrich Eduard Jacob. Diese Aussage könnte nicht besser auf den Kaffee und seinen Einfluss auf die Gesetze Friedrichs des Großen passen. „Durch tausenderleih nicht zu verhindernde Kunstgriffe“, wie dessen Deklaration von 1781 feststellt, wanderte der Kaffee vorbei am Auge des Gesetzes. Es ging so weit mit dem Kaffeeschmuggel, dass den Handwerkern und Fabrikanten ihre Arbeiter und Spinner wegliefen, weil die mit dem Schmuggel „ ihren Hang zum Müßiggang und liederlichen Ausschweifungen befriedigen können. Seine königliche Majestät aber all diese dem Staate so nachteilige und schädliche Unordnungen abgestellt wissen wollen.“

Basta. Der König war des Schmuggels leid. Kurzum monopolisierte Friedrich II. den Kaffeehandel und erlaubte das Kaffeerösten nur noch an von ihm bestimmten Orten. Ausgenommen vom Gesetz waren „die Ritterschaft, der Adel, Commandanten und Offiziere, die Geistlichen, Bürger welche von ihren Revenuen leben, Fabrikanten, Kaufleute en gros, in so fern sie Kaffee nicht selbst en Detail verkaufen, und all diejenigen, deren Stand und Umstände sie zum Gebrauch des Caffees berechtigen“.

Ein Gesetz aufzusetzen ist das eine. Zu überprüfen, ob es auch befolgt wird, das andere. Der große Preuße schlug zwei Fliegen mit einer Klappe, als er vordem beschäftigungslose Veteranen des Siebenjährigen Krieges mobilisierte und sie als Kaffeeschnüffler einsetzte. 400 dieser Invaliden zogen durch Berlins Gassen, um illegal gerösteten Kaffee aufzuspüren. Diesen ungehobelten Gesellen wurde es gestattet, jedes Haus zu betreten und darin jedes Zimmer und jede Person aufs Genaueste zu untersuchen.

„Man stelle sich die Aufregung vor, als ich mit meinen Freundinnen bei Tische saß, die Tür aufgerissen wurde, drei uniformierte Männer in die Stube stürmten, unsere Tassen inspizierten und die Küche auf den Kopf stellten. Zu meinem Glück wurde an diesem Nachmittag nur Tee serviert.“ So beschwerte sich eine Berliner Bürgersfrau, die wenig angetan war vom Treiben der Schnüffler. Da die Spürnasen nach Ertrag bezahlt wurden, waren sie besonders fleißig. Sie standen auch auf Brücken und berochen dort die Taschen von Passanten.

Der Berliner Schriftsteller Streckfuss berichtete: „Das Volk von Berlin hasste diese Kaffeeriecher wie die Sünde und spielte ihnen manchen hässlichen Streich, besonders waren die Frauen äußerst aufgebracht. Alle Plackereien der Regie hätten sie dem König verzeihen können, aber dass er ihnen das Kaffeebrennen verbot, konnten sie nicht ertragen.“

Es gab nur noch eine Berufsgruppe, die noch verhasster war als die der Kaffeeschnüffler: Das waren die Perückenriecher. Denn auch Perücken wurden besteuert und durften nur mit einer besonderen Lizenz getragen werden. Die Perückenriecher durften kraft des Gesetzes einem jeden das Haar vom Haupte reißen, um das Siegel zu überprüfen. Der Zorn über den Kontrollwahn wuchs, und so musste sich der Preußenkönig schlussendlich ob so vieler organisierter Kaffeefreunde geschlagen zeigen. Das Monopol wurde wieder aufgelöst. Seitdem heißt es: Kaffee für alle!

Nächste Woche: Der Lumpensammler

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