Andere Zeiten, andere Berufe : Der Sesselträger

Mitte des 17. Jahrhunderts kehrte die Sänfte als Transportmittel auf Europas Straßen zurück. Eingesetzt wurde sie wie heute das Taxi. Als Träger bediente man sich in Wien der sogenannten Beutetürken, in Berlin der Hugenotten — für kurze Strecken in der Stadt.

Michaela Vieser,Irmela Schautz (Illustration)
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In seinem Kultroman „Wassermusik“ beschreibt T.C. Boyle eine Straßenszene in London Ende des 18. Jahrhunderts: „Da die Straßen dermaßen unerfreulich waren, pflegten die bemittelten Stände per Kutsche oder Sänfte von einem Ort zum anderen zu gelangen. Die Sänfte war besonders gut an Zeit und Ort angepasst, bot sie doch den Privilegierten Bequemlichkeit und Sicherheit, außerdem einigen wenigen der hungernden Massen eine Verdienstmöglichkeit. Sie bestand aus einem geschlossenen Abteil, an dem seitlich parallele Stangen befestigt waren. Diese Stangen wuchteten sich die Sänftenträger auf die Schultern, einer vorne, einer hinten. Die Träger, verarmte Produkte der Inzucht mit Hasenscharten und deformierten Köpfen, verdienten ein paar Pennies; die Dame, die zum Tee ausging, kam dort an, ohne dass ihr Petticoat mit Scheiße beschmiert wurde. Vorteile auf allen Seiten also.“

Ähnliches spielte sich in Wien, in Frankfurt, in München, in Turin, in Brüssel, in Paris und auch in Berlin ab. War die Sänfte nach ihrem Einsatz im alten Ägypten und bei den Römern nur noch als zeremonielles Fortbewegungsmittel benutzt worden oder um Regenten durch die Weiten ihrer Schlösser zu tragen, so hatte sie Mitte des 17. Jahrhunderts wieder einen Platz auf den Straßen Europas gefunden. Nur in London widersetze man sich dem Trend lange Zeit, weil das Tragen der schweren Kästen als menschenunwürdig betrachtet wurde.

Eingesetzt wurden die Sänften oder Portechaisen wie heute die Taxis: für kurze Strecken innerhalb des Stadtgebiets. In Berlin und Leipzig inspirierten die Sänften sogar die Ämter, 1688 die ersten gesetzlichen Regeln des öffentlichen Personennahverkehrs einzuführen.

Die Sänfte hatte gegenüber Kutschen einen im engen Straßenverkehr nicht von der Hand zu weisenden Vorteil: Sie kam überall durch. Nicht zuletzt aufgrund der allgemein bekannten Rüpelhaftigkeit der Sänftenträger, wie ein Eintrag in einem Fremdenführer über Wien aus dem Jahre 1852 bestätigt: „Übrigens genossen die Sesselträger nicht den besten Ruf; sie entwickelten eine sehr ärgerliche Rücksichtslosigkeit gegen die übrigen Passanten, die sie oft über den Haufen stießen, um dann erst ihr kaum verständliches ,Auf g’schaut!’ zu brummen. Die Redensart: grob wie ein Sesselträger, die noch gebraucht wurde, als diese Gilde längst mythisch geworden, entbehrte also keineswegs der tatsächlichen Begründung.“ In einem anderen Werk heißt es: „Das solln sonst sehr grobe Leut seyn, aber sobald man ihnen gibt, was sie begehren, so ist nichts höflicher, als ein Sesselträger.“

In München und Wien bediente man sich nach der Schlacht um Wien der sogenannten Beutetürken als Sänften- oder Sesselträger, in Berlin der Hugenotten. Friedrich I. befand: „Denjenigen Franzosen, (die) so ganz arm waren und nichts gelernt hatten, wurden solche Arbeiten gegeben, wozu weder Kopf noch Fähigkeiten nöthig waren, sondern zu deren Ausübung bloß ein paar gesunde Arme und ein fester Körper gehörten. Bereits Churfürst Friedrich Wilhelm hatte diesen Gedanken gehabt, und zu dem Ende die Sänften in der Residenz eingeführt, wozu Franzosen gebraucht werden sollten, die keine andere als gedachte Eigenschaften besaßen. So bekamen denn auch diese Menschen Nahrung und das Publikum zugleich für einen mäßigen Preis Bequemlichkeit.“

Wer eine freie Sänfte suchte, konnte zu einem festgelegten Halteplatz im Stadtgebiet gehen: ähnlich unseren heutigen Taxisammelstellen. Die Träger waren erkennbar gekleidet, oft in roten Röcken, sonn- und feiertags waren sie verpflichtet, weiße Wäsche zu tragen. Trotzdem standen Kunden oft vor dem Problem, dass zwar die Sänfte am vorgeschriebenen Ort stand – der dazugehörige Träger aber nicht zu finden war: Den traf man dann nicht selten in der nächsten Wirtschaft, wo er gerade sein Trinkgeld verprasste.

Vieser
Durch die Welt der verschwundenen Berufe führt Sie die Journalistin und Autorin Michaela Vieser (r.). Von ihr erschien zuletzt das...Foto: privat


Das Geschäft selbst war je nach Region unterschiedlich organisiert. In Frankfurt beispielsweise besaß eine Familie ein Monopol, an anderen Orten wurden die Sänften an die Träger direkt verpachtet. Dort, wo sie angestellt waren, mussten die Träger eine verschlossene Büchse um den Hals binden, in die der Gast sein Geld warf. In verschiedenen Gesetzesentwürfen wurde angeraten, einen Teil des Verdienstes an Armenhäuser zu spenden. Nachts kosteten Sänften mehr als tagsüber, im Winter mehr als im Sommer. Man konnte sich Sänften für einen ganzen Tag ausleihen oder wöchentlich. Wartezeiten vor Häusern wurden extra bezahlt. Allgemein waren die Beförderungskosten an die Lebensmittelpreise gebunden. Weiterhin waren die Träger der Geheimhaltung verpflichtet und durften nicht darüber Auskunft geben, wen sie wohin trugen. Ausländern, Lakaien, Kranken und Juden war die Beförderung untersagt.

Auf die Bequemlichkeit des Transportmittels wurde immer wieder verwiesen. 1737 schrieb der Amtsrat Carl Christian Schramm ein epochales Werk über Sänften, deren „Critic, Mechanic und Historie, sowie Einsatz in allen vier Theilen der Welt“ er genauestens untersuchte. Darin zitiert er die erste schriftlich erwähnte Sänfte, nämlich die des Königs Salomon in der Bibel: „Der König Salomon ließ ihm eine Sänfte machen, von Holtz aus Libanon, derselben Säulen waren silbern, die Decke gülden, der Sitz purpurn, der Boden Mitte innen war lieblich gepflastert, um der Töchter willen zu Jerusalem.“ Im Weiteren mokierte sich der Amtsrat dann darüber, dass die Säulen nur aus Silber waren – und nicht aus Gold.

Im Deutschland des 18. Jahrhunderts gab es dann häufig Empfehlungen oder gar Vorschriften, wie die Gefährte auszusehen hatten. In Dresden zum Beispiel waren sie mit schwarzem Leder überzogen und mit blauem Tuch ausgeschlagen, mit Spiegelscheiben und blauen Vorhängen. In der Chursächsischen Polizeyverordnung von 1766 steht: „Die Portechaisen müssen gut und bequem gebaut seyn, damit große und starke Personen darin gemächlich sitzen können. Es kann wohl nichts verdrießlicher seyn, als wenn man in der Sänfte so enge eingepresst sitzen muss, dass man sich nicht regen noch bewegen kann, ohne alle Augenblick Gefahr zu laufen, die Fenster zu zerbrechen; oder wenn einem die Decke der Sänfte auf der Nase sitzt. Die gemächliche Bauart der Sänften trägt vieles dazu bey, dass man sich derselben öfter bedient.“

Auch machte sich der schreibende Amtsrat Schramm Gedanken über bessere Schrittfolgen bei den Trägern, damit die Sänfte sich noch sanfter bewege und über neue Sänftenkonstruktionen, die erlaubten, dass „vorne ein kleiner Mohr und hinten ein großer Kerl“ anpackten.

1713 wurde der Sänftenverkehr in Berlin mit der Amtseinführung König Friedrich Wilhelm I. eingeschränkt: Sie galten als zu großer Luxus für den Soldatenkönig. 1779 wurde versucht, die Sänften wieder einzuführen. Ein sogenannter „Berliner Projektmacher“ sah in den Sänften eine Geldquelle: „Die Sache war neu und was neu ist, lockt bekanntlich auf einige Zeit raschen Beifall ab. So erging es auch den Sänften. In allen Vierteln der Stadt wurden dergleichen Tragekutschen ausgestellt, mit Trägern in besondere Montur versehen, und anfänglich ließen sich wirklich viele Menschen, nicht zur Bequemlichkeit, sondern mehr aus Neugierde umhertragen. Als diese aber befriedigt waren, geriet das Unternehmen bald wieder ins Stocken und am Ende blieben, wie zuvor, nur noch einige Sänften übrig, die überdem wenig zu tun hatten, und bloß in Notfällen gebraucht wurden.“

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