Wirtschaft : Angelika Keller

(Geb. 1950)||Die Mathematik: Rüstzeug für ein selbstbestimmtes Leben.

Thomas Loy

Die Mathematik: Rüstzeug für ein selbstbestimmtes Leben. Sechsprozentiges Risiko, dass es schief läuft. Das geht ja noch, ist kalkulierbar, wie man so sagt. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei sechs zu 100 oder bei 0,06 zu eins. Zahlen sind erhaben über Ängste und Sehnsüchte, können nicht zu viel versprechen oder schuldig werden. Deshalb war Angelika Keller fasziniert von den Zahlen und ihrer Welt, der Mathematik.

Sechsprozentiges Risiko, dass es bei der Tumoroperation zu Komplikationen kommt, wie Mediziner so sagen. Edward A. Murphy war Ingenieur. Auf Angelikas Todesanzeige steht ein Satz, der ihm zugesprochen wird. Die Formulierung ist eine der vielen Varianten von „Murphys Gesetz“: „Wenn etwas eine Wahrscheinlichkeit hat, dann kann es auch eintreten.“ Die einzig brauchbare Antwort auf die Frage: Warum gerade Angelika?

140 Wollpullover, Wollpullunder und Strickjacken hat sie ihrem Mann hinterlassen. Alles Einzelstücke, oft mit einer vielfarbigen, quer gestreiften Musterung, weil nur so Wollreste rückstandslos verarbeitet werden können. Dazu gibt es jeweils passende Socken. Ihre Mutter war eine Dauerstrickerin, ein Maschenmaniac. Zusammen mit Angelika entwarf sie Schnitt und Muster. So wurden quer gestreifte Strickpullover Angelikas Erkennungszeichen. Auch die runde Brille, das vom Wind zerzauste Haar und der skeptisch-neugierige Blick sind Merkmale. Fotos von Angelika hängen überall in dem Haus, das sie für immer verlassen hat.

So ein Haus ist nichts anderes als angewandte Mathematik. Angelika suchte für ihre Schüler ständig nach Objekten aus der realen Welt, an denen sie ihre abstrakten Regeln und Formeln sichtbar machen konnte. Mathematik als Rüstzeug für ein selbstbestimmtes Leben. Daran hat sie geglaubt. Natürlich gab es Enttäuschungen. Nicht nur in der Schule. Beim Hausbau stritt sie sich wochenlang mit einem Vermesser herum. Der Zwist begann mit der einfachen Frage, wie breit denn nun ihr Grundstück sei. Der Vermesser sagte: So circa 19,2 Meter. Hätte er einfach 19,2 Meter gesagt, wäre alles gut gewesen, das „so circa“ machte ihn verdächtig. Ein circa ist für einen Mathematiker wie ein loser Schlussstein für den Baumeister. Ein ganzes Gedankengebäude kann so ein circa zum Einsturz bringen.

Zahlen, zu untätigen Ziffern degradiert, können natürlich langweilig sein. Angelika war mal Beamtin im mittleren Dienst. Weil sie sich in der Gewerkschaft engagierte und Kollegen gerne über ihre Rechte aufklärte, wurde sie in eine Abteilung strafversetzt, die sich mit der Vergabe von Aktennummern beschäftigte, alternativ in roter oder grüner Farbe. Nach sechs Jahren kündigte sie und holte ihr Abitur nach, um studieren zu können. Sie hatte alles genau überlegt, schon mal testweise von 500 Mark im Monat gelebt und ein Stipendium beantragt. Es gab Rückschläge, schwere Krankheiten. Der Tod des Vaters, der von Bildung und Schule nicht viel hielt. Aber das Ziel, Lehrerin zu werden, behielt sie im Auge. Indem sie das Negative durchdachte, gelangte Angelika immer ins Positive. So blieb sie ein fröhlicher Mensch.

Auch noch, als sie lernen musste, was „Zöliakie“ bedeutet, eine Überempfindlichkeit gegen das Getreideeiweiß Gluten. Die Ärzte stießen nach dem Tod ihrer Mutter auf den genetischen Defekt. Fortan musste sie auf alles verzichten, was Gluten enthält – eine fast unmögliche Aufgabe. Diesmal half ihr eine Freundin vom Negativen ins Positive: „Ein ganzer Kontinent lebt ohne Weizen: Afrika!“

Angelika tat, was die meisten lieber andere tun lassen. Sie schrieb an einem neuen Lehrbuch mit, weil die vorhandenen ihr nicht gefielen. Sie übernahm den Vorsitz bei Versammlungen, nicht nur, weil sich sonst keiner meldete. Sie kletterte auf das Dach ihres Hauses, weil eine Pfanne heruntergerutscht war.

Sie legte den OP-Termin in die Schulferien, damit nicht zu viel Unterricht ausfällt. Sie bereitete den Stoff vor, der in ihrer Abwesenheit durchgenommen werden sollte. Aus dem künstlichen Koma wachte sie nicht mehr auf.

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