Wirtschaft : Angriff auf die Zuckerrübe

Nach einem jahrelangen Verfahren lässt die EU ab Dezember einen neuen Süßstoff zu: Steviol-Glykosid.

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Fotos: AFP; promo
Fotos: AFP; promoFoto: AFP

Berlin - Sie ist nicht weniger als „der Zucker des 21. Jahrhunderts“, davon ist Udo Kienle überzeugt. Er spricht von Stevia Rebaudiana, einer eigentlich unscheinbaren Pflanze aus Paraguay. Doch ihre Blätter haben es in sich: das Steviol-Glykosid nämlich. Es ist bis zu 300 Mal süßer als herkömmlicher Zucker, hat dabei nahezu keine Kalorien und schadet auch den Zähnen nicht.

Trotzdem ist die Pflanze in der Europäischen Union bisher nicht zugelassen. Aber das ändert sich jetzt: Ab dem 2. Dezember ist das Steviol-Glykosid als Zusatzstoff in der EU erlaubt.

Kienle kämpft seit fast 30 Jahren dafür. Er ist Forscher an der Universität Hohenheim und beschäftigt sich ausschließlich mit der Stevia-Pflanze, auch unter dem Namen „Honigkraut“ bekannt. Im Jahr 1983 brachte ihm ein Freund einen Beutel mit getrockneten Blättern aus Paraguay mit, ohne zu wissen, was es war. Kienle kostete von den Blättern und war vom angenehm süßen Geschmack begeistert. Sein Interesse war geweckt und seitdem hat ihn die Pflanze nicht mehr losgelassen. „Stevia ist ein Geschenk Gottes“, sagt er.

In Deutschland sind Lebensmittel mit Stevia bisher eigentlich nicht verkäuflich. Zu haben war der süße Stoff aber trotzdem, zum Beispiel als Badezusatz. Wer wollte, konnte sich den in seinen Tee tropfen. Das hatte den Nebeneffekt, dass Stevia in Deutschland durchaus verzehrt wurde, aber ohne vorherige Lebensmittelkontrolle. „Ich hoffe, dass diese Produkte mit der Zulassung in Europa schnell verschwinden“, sagt Kienle. „Was hier zu kaufen war, war das Schlechteste aus chinesischen Fabriken zu Wucherpreisen.“

Dabei war genau der Streit um die Unbedenklichkeit der Grund, warum sich die Zulassung des Steviol-Glykosids in der EU jahrelang hingezogen hat. Die Pflanze stand im Verdacht, krebserregend zu sein und die Fruchtbarkeit des Menschen zu beeinträchtigen. „Die Studien sind aber alt und ihre Methodik entspricht nicht den heutigen Standards“, sagt Kienle. Jüngere Untersuchungen bestätigen diesen Verdacht auch nicht. Im Januar dieses Jahres stellte die Europäische Lebensmittelbehörde Efsa fest, dass in den neuen Tests keine Schädlichkeit nachgewiesen werden konnte, woraufhin der Stoff von der Europäischen Kommission zugelassen wurde.

Ab Anfang Dezember wird Steviol-Glykosid als E 960 in den Zutatenlisten auftauchen. Die Stevia-Pflanze selbst und Produkte aus ihren Blättern wie Tee oder Extrakte sind dann noch nicht erlaubt. Auch anbauen darf man die Pflanze in Europa noch nicht. Der Süßstoff wird also weiterhin aus China kommen, muss jetzt allerdings Lebensmittelkontrollen durchlaufen.

Und es gelten Einschränkungen für das Steviol-Glykosid: Der Grenzwert liegt bei zehn Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. So viel darf jeder Bürger am Tag konsumieren, ohne dass die Kommission gesundheitliche Bedenken hat. Das entspricht der Süßkraft von etwa 80 Gramm Zucker. Ein Liter Cola enthält aber schon mehr als 100 Gramm Zucker. Damit der Grenzwert nicht überschritten wird, legte die Kommission außerdem fest, in welchen Lebensmittelgruppen Steviol-Glykosid in Zukunft auftauchen darf. Erlaubt sein wird E 960 in Marmeladen, Limonaden oder Milchprodukten wie Joghurt, nicht aber in Gebäck, Desserts oder Snacks. Zum Backen eignet es sich aber sowieso nicht sehr gut, ihm fehlt die Masse, die Zucker hat.

Wegen dieser Einschränkungen ist fraglich, ob die Zulassung wirklich der Durchbruch der Stevia-Pflanze auf dem europäischen Markt ist. Kienle ist skeptisch, vor allem auch, weil Steviol-Glykosid einen für Europäer ungewohnten Eigengeschmack hat: „Wir essen gern süß“, sagt er. „Aber für uns ist der ideale Süßgeschmack Zucker.“ Die Stevia-Süße hingegen hat einen eher lakritzigen Eigengeschmack. Wie stark sie nach Lakritze schmeckt, hängt davon ab, wie rein sie ist. „Das Herstellungsverfahren ist sehr komplex“, sagt Kienle.

In anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten  ist der Süßstoff aus Stevia bereits zugelassen. Bei vielen Produkten kommt aber nur ein Teil der Süße aus Stevia, der Rest ist normaler Zucker. Damit gelingt es den Herstellern, den ungewohnten Lakritzgeschmack zu maskieren.

Den herkömmlichen Haushaltszucker ersetzen wird Stevia wohl nicht, davon geht zumindest Nordzucker aus. „Sie wird eher den Süßstoffen Konkurrenz machen“, sagt Sprecher Klaus Schumacher. Sorgen machen sich die Süßstoffhersteller aber auch nicht. „Stevia wird die Süßstoff-Familie sinnvoll ergänzen“, sagt Anja Krumbe vom Deutschen Süßstoffverband. „Wir werden einfach neue Produkte entwickeln.“ Und Schumacher ergänzt: „Wir müssen uns zuerst an das Marktpotential von Stevia herantasten.“ Denn wie der Verbraucher die neue Süße annehmen wird, muss erst einmal ausprobiert werden. Coca-Cola hat angekündigt, mit ersten Geschmackstests Anfang nächsten Jahres zu beginnen. Eine Entscheidung, ob die schwarze Brause in Zukunft mit Steviol-Glykosid gesüßt wird, fällt aber frühestens im nächsten Sommer.

Dabei profitieren Stevia-Produkte von dem Bio-Image, das ihnen anhaftet. Der Süßstoff gilt vielen als natürliche Süße. „Sie vergessen, dass Steviol-Glykosid trotzdem aus dem Labor kommt“, sagt Armin Valet, Ernährungsexperte von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Auch Natriumglutamat wird aus Lebensmitteln gewonnen, ist deshalb aber noch lange kein natürlicher Stoff.“

Erst einmal wird der Verbraucher das Steviol-Glykosid also vornehmlich als Zusatzstoff E 960 in Lebensmitteln antreffen. Armin Valet vermutet, dass es zusätzlich Tafelsüße in Form von Tabletten oder Flüssigsüße geben wird. „Das mag für manche Verbraucher eine Alternative sein.“ Aber solange Stevia noch teurer ist als Zucker, traut er ihr nicht allzu viel zu: „Der Marktanteil wird eher gering sein.“ Der Blick nach Frankreich zeigt aber, dass die neue Pflanze eine durchaus beachtliche Rolle spielen könnte – hier ist Steviol-Glykosid seit 2009 mit einer Sondergenehmigung erlaubt. Bei Tafelsüße liegt sein Anteil um die 20 Prozent.

Für Udo Kienle ist das erst der Anfang. Zwar wollten die Menschen weg vom Zucker, aber E-Nummern trauten sie genauso wenig. „Erst wenn die Verwendung der gesamten Pflanze in der EU erlaubt ist, wird sie ihr Potential voll entfalten können“, findet er. Zwar ist ein Antrag bereits gestellt, es wird aber noch ein paar Jahre dauern.

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