Wirtschaft : Angriff im Wohnzimmer

Die Mobilfunkanbieter wollen das Festnetz überflüssig machen. Das Handy soll zum Telefon Nummer eins werden

Corinna Visser

Berlin - Im kommenden Jahr müssen sich die Festnetzanbieter, allen voran die Deutsche Telekom, auf immer stärkeren Wettbewerb durch die Mobilfunkbetreiber einstellen. Mit neuen Angeboten versuchen die Telekom-Konkurrenten Vodafone, E-Plus und O2, Kunden dazu zu bringen, immer öfter zum Handy statt zum Festnetztelefon zu greifen. Vodafone testet gerade „Vodafone zu Hause“. O2 will Anfang 2005 mit „surf@home“ starten. Bei der Telekom-Tochter T-Mobile heißt es zwar, dass man im Moment noch abwarte. Aber: „Wir schauen uns den Markt genau an und werden gegebenenfalls reagieren.“ Der Hersteller Siemens arbeitet unterdessen schon an Geräten, die sowohl im Festnetz als auch in den Mobilfunknetzen eingesetzt werden können. In den kommenden zwei Jahren ist mit den ersten Telefonen zu rechnen.

Hintergrund für die verstärkten Anstrengungen der Mobilfunkanbieter ist die Tatsache, dass kaum noch neue Kunden zu gewinnen sind. Immerhin haben bereits rund 70 Millionen Menschen in Deutschland ein Handy. Jetzt geht es darum, den Umsatz pro Kunde zu steigern – auch zu Lasten des Festnetzes. Erst rund 17 Prozent der Gesprächsminuten in Deutschland werden über Handynetze abgewickelt. Hier sehen die Mobilfunkanbieter ihr Wachstumspotenzial. Freie Kapazitäten in den Netzen haben sie nämlich nach dem Aufbau der neuen UMTS-Netze genug.

„2005 ist das Jahr des Angriffs“, sagt Telekommunikationsexperte Roman Friedrich, Geschäftsführer der Management- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton. Für die Kunden heißt das zunächst, sie können mit sinkenden Preisen im Mobilfunk rechnen. „Es wird immer mehr attraktive Minutenpakete geben“, sagt Friedrich. Bei Minutenpaketen zahlen Kunden im voraus einen höheren Grundpreis, der dann freie Gesprächsminuten mit einschließt. „Der Mobilfunk hat vor allem für Privatkunden das Potenzial, das Festnetz immer stärker zu ersetzen“, sagt Friedrich.

Als erfolgreiches Beispiel für die Substitution von Festnetz durch Mobilfunk nennt Friedrich „Genion“ vom Netzbetreiber O2. Genion ist ein Tarif, bei dem man mit dem Handy an einem vorher definierten Ort zu Preisen wie im Festnetz telefonieren kann. Rund 2,9 Millionen der 3,86 Millionen Vertragskunden von O2 nutzen Genion. „Das ist ein Erfolgsprodukt“, sagt Friedrich. „Der Umsatz pro Kunde bei O2 liegt deutlich höher als bei den anderen Anbietern.“ Und das sei erst der Anfang. Wie der Markt sich entwickeln könnte, zeigt das Beispiel Finnland. Dort besitzen 35 Prozent aller Haushalte gar keinen Festnetzanschluss mehr.

Der Anbieter E-Plus fordert die Festnetzanbieter bereits seit dem Frühjahr mit einem Preis von drei Cent pro Minute für Telefonate ins Festnetz heraus. Ergebnis: „Die Kunden telefonieren deutlich mehr und werden auch öfter angerufen“, sagt ein E-Plus-Sprecher. Bei den Bemühungen, das Handy zum Telefon Nummer eins zu machen, „sind wir mit unseren Ideen noch nicht am Ende“.

Konkurrent Vodafone testet derzeit „Vodafone Zuhause“. Bei Vertragsabschluss legt der Kunde auch hier eine bestimmte Adresse als „Zuhause“ fest. Nur von diesem Ort aus kann er dann für 20 Euro im Monat 1000 Minuten ins Festnetz telefonieren. „Das ist kein Mobilfunkprodukt“, sagt ein Vodafone-Sprecher. In dem „breit angelegten Test“, der noch bis 15. Januar läuft, gehe es um die Frage, „wie man das Festnetz ersetzt.“

Daran arbeitet auch O2. Das Produkt „surf@home“, das bereits diesen Herbst auf den Markt kommen sollte, ist nun für das erste Quartal 2005 angekündigt. „Wir wollen erst starten, wenn alles reibungslos läuft“, sagt ein Sprecher. Die Idee: Kunden sollen zu Hause nicht nur so günstig wie im Festnetz telefonieren (Genion), sondern auch ebenso günstig mobil im Internet surfen können. „Der Preis wird so sein, dass wir mit den DSL-Angeboten der Telekom konkurrieren können“, sagt der O2-Sprecher. Wer mobil telefoniere und surfe müsse zudem künftig nur noch eine Grundgebühr bezahlen und erhalte nur eine Rechnung.

Was Mobilfunk und Festnetz näher zusammenbringt ist das Internetprotokoll, eine gemeinsame Plattform, die es ermöglicht, die Technologien zu integrieren. „Die technische Basis von Festnetz und Mobilfunk wächst zusammen“, sagt eine Sprecherin von Siemens. Der Konzern produziert sowohl die Netztechnik als auch die Endgeräte. „Konvergenz ist das große Thema. Der Kunde wird sich künftig nicht mehr damit beschäftigen, welches Netz er gerade nutzt.“ Die Übergänge zwischen den Netzen – Mobilfunk (UMTS), lokale drahtlose Netze (W-Lan) und Festnetz zu Hause – werden so gestaltet sein, dass der Nutzer den Wechsel von einem Netz ins andere nicht mehr bemerkt. „Die Infrastruktur ist bereits da“, sagt die Siemens-Sprecherin, „jetzt ziehen wir auf der Seite der Endgeräte nach.“

Am Ende wird ein mobiles Endgerät stehen, das sich dort einbucht, wo das Netz am besten ist. Einen genauen Zeitpunkt, wann die ersten konvergenten Endgeräte auf den Markt kommen, will die Siemens-Sprecherin nicht nennen. Nur so viel: „Da wird sich in den kommenden zwei Jahren einiges tun.“

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