Wirtschaft : Angst vor Anschlägen belastet Touristik-Werte

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Jahrelang war die Touristik eine Branche ohne Sorgen. Ungetrübt von Konjunkturdellen und Konsumverzicht meldete sie Jahr für Jahr satte Zuwachsraten. Die Deutschen, die Reiseweltmeister, wollten sich eins nicht vermiesen lassen - ihre ungetrübten Ferienreisen. Der Terror des 11. Septembers hat die Situation jäh verändert. Gerade in der Touristikbranche ist derzeit nichts mehr, wie es einmal war. Die Hiobsbotschaften rissen nicht ab. Buchungsrückgänge von 15, manchmal gar 30 Prozent beklagte die Branche durchweg. Kapazitäten werden heruntergefahren, Flugzeuge bleiben am Boden.

Stefan Pichler, Vorstandschef der noch nicht börsennotierten Thomas Cook AG, hinter der sich im 50-50-Joint-Venture von Lufthansa und Karstadt-Quelle der Ferienflieger Condor und Reiseveranstalter Neckermann verstecken, nutzt die Gunst der schlechten Zeiten, um seinen Restrukturierungsprozess voranzutreiben - mit kräftigem Personalabbau und Reisebüro-Schließungen. Da musste ein Branchenexperte gegensteuern: "Wir haben allen Anlass zu realistischem Optimismus", stellte der Düsseldorfer Reisebüro-Inhaber Klaus Laepple vorige Woche in Leipzig auf dem Jahrestag des Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverbandes (DRV) fest. Laepple ist derzeitiger Präsident der Brancheninstitution.

Mit Reisen können Anleger, wenn sie die Unwägbarkeiten des Weltgeschehens in Kauf nehmen, wieder Geld verdienen. Tourismus-Aktien sind derzeit so günstig wie selten, stellt Christian Obst, Tourismus-Analyst der Hypo-Vereinsbank, fest. Die Preussag-Aktie, hinter der sich unter der Dachmarke Tui Europas größtes Tourismus-Imperium verbirgt, hat er auf "Kaufen" gestuft. Zugute kommt dem Touristik-Geschäft des im Umbau begriffenen Konzerns, das bei den Veranstaltern der Marke Tui Reiseziele im Nahen Osten oder auch in den USA nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das Hauptgeschäft im Süden Europas läuft krisensicherer. So kündigte die Tui vergangene Woche an, die Kapazitäten zu den Kanaren Weihnachten aufzustocken.

Die Anschläge in den USA erwischten den britischen Reiseveranstalter Airtours plc zu einem Zeitpunkt, als der rigorose Konsolidierungskurs offenbar weithin abgeschlossen war. Der Branchenriese, der in Europa gleich hinter den Giganten Preussag und Thomas Cook rangiert, musste im vergangenen Geschäftsjahr sein verlustreiches deutsches Abenteuer bei der Frosch-Touristik (FTI) verkraften. Außerdem zog Airtours einen Großteil seiner Gewinne bisher aus dem Nordamerika-Geschäft.

Patrick Schwendimann, der bei der Zürcher Kantonalbank den grundsoliden Schweizer Tourismuskonzern Kuoni begleitet, stufte den Wert von "Verkaufen" hoch auf "Market performance" und sagte: "Sehr risikofreudige Investoren könnten schon einsteigen." Kuoni gilt in der Branche immer schon als ein bisschen feiner und besser, mit entsprechenden Produkten im Hochpreis-Segment des Touristik-Marktes. Mit einer geschickten Expansionsstrategie ist Kuoni längst nicht mehr auf den helvetischen Heimatmarkt angewiesen, sondern hat das Risiko breit gestreut. Im laufenden Geschäftsjahr mussten jedoch zweimal Gewinnwarnungen ausgesprochen werden - schon vor den Terror-Anschlägen.

Sollte die Welt von weiterem Terror verschont bleiben, dann sehen die Eckdaten für eine gesunde Entwicklung in der Reisebranche gar nicht schlecht aus. Die europäische Konjunktur wird nach Analysten-Einschätzung von der Rezession verschont bleiben und sich eher leicht aufwärts entwickeln. Die Furcht vor Anschlägen werde spätestens im nächsten Jahr deutlich nachlassen, wenn es denn ruhig bleibt an den Kriegs- und Katastrophenfronten. Die Veranstalter müssten sicher bis ins kommende Frühjahr noch mit einer Durststrecke rechnen. Das würde ihnen die Halbjahres-Bilanzen noch verhageln, aber dann werde es schon wieder gehen. Bestes Beispiel sei die Entwicklung im Reiseland Ägypten, erinnert Schwendimann. Nach den Terroranschlägen von 1997lag das Geschäft im Folgejahr am Boden, doch dann war die Reiselust auch nach Ägypten wieder stärker.

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