Wirtschaft : Angst vor Arbeitslosigkeit dämpft die Streiklust

FRIEDERIKE STORZ

IW-Studie: Weltweit weniger Arbeitskämpfe / Quote in Italien sinkt am stärkstenVON FRIEDERIKE STORZDie Arbeitnehmer geben sich immer friedlicher.In den 90er Jahren sind in Deutschland durch Streiks und Aussperrungen weniger Arbeitstage "verlorengegangen" als noch in den Siebzigern und Achzigern.Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Köln.Ein Mitgliederrückgang bei den Gewerkschaften sowie die steigende Angst um den Arbeitsplatz drückten die Streikbereitschaft der Arbeitnehmer, so das IW.Zudem baue die Industrie, der streikfreudigste und gewerkschaftlich am besten organisierte Sektor, im Zuge des Strukturwandels immer mehr Beschäftigte ab. So kamen auf 1000 Beschäftigte in Deutschland von 1990 bis 1996 im Jahresdurchschnitt 17 durch Streik bedingte Ausfalltage, in den achtziger Jahren waren es noch 28, in den Siebzigern 52 Tage.Der Trend zu "größerem sozialen Frieden" sei in fast allen Industrieländern festzustellen, wie ein Vergleich von 23 OECD-Staaten zeige, so das IW.Ein solcher Vergleich sei nicht zuletzt von Interesse in der Standortdebatte, wenn es um die Attraktivität von Ländern und Regionen gehe. Absolut gesehen belegen die USA eine Spitzenposition in der Streikstatistik.Dort wurden im Durchschnitt der Jahre 1970 bis 1996 20 Mill.Streiktage gezählt.Am Ende der Rangliste liegt die Schweiz mit 3300 Ausfalltagen, während Deutschland mit durchschnittlich 800 000 Streiktagen pro Jahr im internationalen Mittelfeld liegt.Allerdings ist die absolute Zahl der Streiktage für internationale Vergleiche nur wenig aussagekräftig, bemerken die Statistiker des IW.Bei gleicher Häufigkeit und Intensität von Arbeitskämpfen wiesen Länder mit einer größeren Zahl an Beschäftigten zwangsläufig mehr Streiktage aus.So mußten etwa die Unternehmer in den USA 1994 einen Verlust von rund fünf Millionen durch Streik verbummelte Tage hinnehmen.Dies habe aber bei gut 112 Millionen Beschäftigten in etwa das gleiche Gewicht wie 95 000 Streiktage in Griechenland, wo nur zwei Millionen Arbeitnehmer beschäftigt seien, schreibt das IW. Ein völlig anderes Bild zeigt sich, wenn man die Streiktage auf die Beschäftigten einer Landes bezieht.Spitzenreiter im internationalen Streikvergleich ist dann Italien mit durchschnittlich 842 Ausfalltagen je 1000 Beschäftigten (Untersuchungszeitraum 1970/1996).Heftig gestreikt wird danach auch in Spanien (durchschnittlich 636 Tage pro Jahr) und Griechenland (631 Tage).Die "ungünstige Position" der drei südeuropäischen Länder hänge unter anderem damit zusammen, daß Streik dort ein Mittel politischen Protests sei, so das IW. Die USA liegen mit durchschnittlich 245 Ausfalltagen je 1000 Beschäftigten dann im Mittelfeld der Streik-Rangliste.Deutschland gehört mit nur durchschnittlich 34 Ausfalltagen im Untersuchungszeitraum zu den "friedlichen Ländern".Selten gestreikt wird auch in den Niederlanden (28 Tage), Österreich (6) und der Schweiz (1), wobei die geringe Streiklust der Eidgenossen auf ein "Friedensabkommen" zwischen Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverband der Maschinenindustrie zurückzuführen ist.Es wurde bereits 1937 geschlossen und seither von etlichen Wirtschaftszweigen übernommen, so daß heute rund drei Viertel der Schweizer Beschäftigten, für die Tarifverträge gelten, davon betroffen sind. In den meisten Ländern schwankt das Arbeitskampfvolumen jedoch stark.In weniger streikbereiten Regionen wie Skandinavien, Östereich oder der Schweiz werde der Arbeitsfrieden zwar nur selten, dann aber empfindlich gestört, so das IW.So gab es beispielsweise in Schweden 1980 heftige Proteste, was die Anzahl der durchschnittlichen Streiktage pro 1000 Beschäftigten von 102 auf 1150 Tage steigen ließ.Jahre mit besonders heftigen Arbeitskämpfen in Deutschland waren 1971 (203 Tage), 1978 (191 Tage) und das Jahr der großen Metallarbeiterstreiks für die Arbeitszeitverkürzung, 1984, mit durchschnittlich 246 Streiktagen auf 1000 Beschäftigte. Am stärksten gesunken ist die Zahl der Streiktage in Italien.In den 70er Jahren wurde südlich der Alpen noch durchschnittlich an 1511 Tagen gestreikt (bezogen auf 1000 Beschäftigte), in den Achtzigern nicht einmal mehr die Hälfte (623 Tage).In den Neunzigern ruhte die Produktion nur noch an durchschittlich 198 Tagen pro 1000 Beschäftigten.Großbritannien, das in den 70ern noch die siebtgrößten Streikausfälle aufwies, zählt heute in punkto Streiks zu den friedlichsten Ländern. Als länderübergreifende "Streikdrücker" sieht das IW zunächst den Strukturwandel, denn Angestellte im expandierenden, privaten Dienstleistungssektor hätten oft eine andere Einstellung zum Arbeitskampf.Parallel zum wirtschaftlichen Strukturwandel habe sich auch ein Gesinnungswandel bei den Beschäftigten vollzogen.Sie seien heute "individualistischer und versuchen ihre Interessen selbst durchzusetzen".Daneben beeinflussen unterschiedliche Faktoren die Streiklust der Arbeitnehmer in den einzelnen Ländern.Beispielsweise beendete die Gewerkschaftsgesetzgebung der Regierung Thatcher die großen Bergarbeiterstreiks von 1984 in Großbritannien.Politische Streiks wurden damals verboten, vorherige Urabstimmungen vorgeschrieben. Die Tendenz zum Rückgang der Arbeitskampfaktivitäten dürfe aber nicht überinterpretiert werden, so die Bilanz des IW.Da genügt ein Blick ins französische Nachbarland, wo sich jüngst Gewerkschaften und Arbeitslose wirksam verbündeten.

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