Wirtschaft : Angst vor dem Mangel

Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter – doch vielerorts fehlen Fachkräfte

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Berlin - Angesichts der im Juni weiter gesunkenen Arbeitslosigkeit wachsen in Wirtschaft und Politik die Sorgen über einen Mangel an Fachleuten. Zwar fehlten Spezialisten noch nicht generell, in wichtigen Branchen gebe es aber Engpässe, erklärte die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag. Die Arbeitgeber kritisierten, ein Gesamtkonzept zur Sicherung des Fachkräftebedarfs fehle. Sie erneuerten ihre Forderung, Ausländern den Zuzug nach Deutschland zu erleichtern.

„Es zeigen sich Mangelsituationen in bestimmten Berufsgruppen und bestimmten Regionen“, sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise in Nürnberg. Als Beispiele nannte er Ingenieure und andere Spezialisten in der Elektrobranche, die vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Hamburg und Niedersachsen „gesucht und nicht gefunden“ würden. Auch bei den Gesundheitsberufen, etwa in der Pflege und bei Ärzten, gebe es flächendeckende Probleme.

Die wichtigste Ursache ist die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Im Juni war die Zahl der Erwerbslosen im Vergleich zum Vormonat um 67 000 auf 2,893 Millionen zurückgegangen. Damit ging die Arbeitslosenquote auf nur noch 6,9 Prozent zurück. In absehbarer Zeit werde die Marke von drei Millionen Jobsuchenden nicht mehr erreicht, prognostizierte Weise, erst im Winter komme diese Zahl wieder in Sicht.

Der positiven Entwicklung stehen aber zunehmende Schwierigkeiten der Arbeitsvermittler gegenüber, den verbliebenen Jobsuchenden eine Stelle zu vermitteln. „Die Arbeitslosigkeit, die jetzt noch vorhanden ist, braucht wirklich eine intensive Begleitung“, sagte der BA-Vorsitzende. Häufig handle es sich um Jobsuchende, die keine abgeschlossene Ausbildung oder keinen Schulabschluss haben.

Nach den jüngsten Daten vom Mai sind mittlerweile 40,88 Millionen Menschen erwerbstätig. Dieser hohe Stand geht neben dem starken Wachstum zurück auf die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre, aber auch auf den Strukturwandel in der Wirtschaft: Immer mehr Menschen arbeiten im Dienstleistungsbereich, dort ist aber auch der Anteil der Teilzeitbeschäftigten besonders hoch.

In Berlin war die Entwicklung erneut nur durchwachsen. Zwar sank die Arbeitslosenzahl auf 230 400 Menschen, das waren knapp 4300 weniger als im Mai. Gegenüber dem Juni 2010 waren aber 2000 Menschen mehr ohne Stelle. Mit 13,3 Prozent hatte die Hauptstadt damit erneut die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer. An der Spitze liegt Bayern mit nur noch 3,5 Prozent.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verwies darauf, dass die Zahl der freien Stellen bei über einer Million und damit um 400 000 höher als vor einem Jahr liegt. Man müsse den Mangel an gut Qualifizierten ernst nehmen. Auch auf dem Ausbildungsmarkt zeichne sich ab, dass viele Lehrstellen nicht besetzt werden können, weil nicht genügend junge Bewerber da sind. „Dies alles zeigt, dass wir uns nicht zurücklehnen dürfen, der Arbeitsmarkt braucht weiter unsere Aufmerksamkeit.“

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte, das Fachkräfte-Konzept der Regierung sei „völlig unzureichend“, um den demografischen Veränderungen gerecht zu werden – bis 2025 rechnet er mit 6,5 Millionen weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter. Er verlangte ein Gesamtkonzept, mit dem das heimische Arbeitskräfte-Potenzial gestärkt und zugleich der Zuzug von qualifizierten Ausländern erleichtert werden könne. Sonst drohe der Verlust von Wachstum und Wohlstand. Auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hat beobachtet, dass viele Firmen Stellen schaffen wollten, aber vergeblich nach Leuten suchten. Er sprach sich dafür aus, die Lohnschwelle für Ausländer von heute 66 000 Euro im Jahr abzusenken.

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