Wirtschaft : Angst vor dem starken Euro

Aufwertung bedroht den Aufschwung –Experten fordern Zinssenkung–DIHK sieht Ende der Exportflaute

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Berlin (brö). Die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Aufwertung des Euro stoppen zu wollen, ist bei Wirtschaftsforschern auf Verwunderung gestoßen. Besser als Eingriffe auf dem Devisenmarkt sei eine Senkung der Leitzinsen, rieten sie. Die Wirtschaft sorgt sich derweil um den hohen EuroKurs. Eine weitere Verteuerung der Währung sei eine Gefahr für den Aufschwung im kommenden Jahr, erklärte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Noch sieht der Verband jedoch einen deutlichen Aufschwung beim Export.

Der scheidende EZB-Präsident Wim Duisenberg hatte sich im Gespräch mit der spanischen Zeitung „Expansion“ besorgt über die Kursentwicklung des Euro geäußert. Seit Ende August ist die Gemeinschaftswährung im Vergleich zum amerikanischen Dollar in einem rasanten Tempo von 1,08 Dollar auf bis zu 1,17 Dollar gestiegen. Fachleute erwarten in den kommenden Wochen und Monaten einen weiter steigenden Wechselkurs.

„Wir hoffen und beten, dass die Berichtigung, die unvermeidlich ist, langsam und schrittweise vonstatten geht. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um es langsam und schrittweise geschehen zu lassen“, hatte Duisenberg in dem Interview gesagt. Eine solch klare verbale Intervention auf dem Devisenmarkt ist ungewöhnlich für den Chef einer Zentralbank.

Hintergrund der Duisenberg-Worte ist die Sorge vieler Wirtschaftsexperten, dass ein starker Euro die Erholung der europäischen Konjunktur gefährden könnte. Ein hoher Wechselkurs erschwert es Firmen, ihre Waren auf dem wichtigen US-Markt teurer zu verkaufen, als es inländische Wettbewerber tun. Der Export dürfte indes die wichtigste Stütze des Aufschwungs sein, vor allem in Deutschland. Der Wirtschaftsverband DIHK prognostiziert nach Auswertung seiner Herbstumfrage für den Export einen deutlichen Aufschwung. Das Ausfuhr-Plus werde bei zwei Prozent in diesem und bei fünf Prozent im kommenden Jahr liegen. Dadurch werde die deutsche Wirtschaft 2004 um 0,5 Prozent wachsen. Als „Achillesferse“ bezeichnete Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben jedoch die weltpolitische Lage und die Wechselkurse. Eine Entwicklung Richtung 1,25 Dollar „würde sehr wehtun“.

Erstarkt ist der Euro auf Grund des doppelten Defizits in den USA: Zum einen hat Präsident George W. Bush die Neuverschuldung stark ausgeweitet, zum anderen weisen die USA seit Jahren ein hohes Leistungsbilanzdefizit auf. Die Vereinigten Staaten versprechen sich von dieser Politik eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft, auch mit Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen Ende 2004.

Nach den Äußerungen des EZB-Chefs war der Euro am Montag im Vergleich zum Dollar zunächst gefallen. Hatte ihn die EZB am Freitag im Referenzkurs-Verfahren noch bei 1,1668 festgesetzt, waren es am Montag nur noch 1,1579 Dollar. Grund dürften die Vermutungen der Händler gewesen sein, dass die EZB – entsprechend den Ankündigungen von Duisenberg – in den Markt eingreifen und Dollar kaufen werde, um den Euro-Kurs zu drücken. Aber auch die guten US-Arbeitsmarktdaten vom Ende vergangener Woche spiegeln sich in diesen Kursen wider.

Experten zeigten sich von der Ankündigung des EZB-Präsidenten, die Aufwertung des Euro dämpfen zu wollen, irritiert. „Das wäre ein Fehler“, sagte Michael Schubert, Devisenexperte bei der Commerzbank in Frankfurt (Main). „Der Erfolg eines solchen Eingriffs ist sehr unsicher. Das hat bereits die Vergangenheit gezeigt“, sagte er dem Tagesspiegel. Ulrich Hombrecher, Chefökonom der WestLB in Düsseldorf, sagte, das Beispiel der japanischen Zentralbank zeige, wie erfolglos solche Eingriffe seien. „Trotz der massiven Stützung des Yen hat die Währung in den vergangenen Wochen aufgewertet“, sagte er.

Stattdessen empfahlen die Fachleute der EZB, die Leitzinsen zu senken, damit die Zinsdifferenz zu den USA geringer werde und die europäische Wirtschaft stärker in Schwung komme. „Eine Senkung um einen halben Prozentpunkt ist bitter nötig, weil sonst der Aufschwung des kommenden Jahres nur ein Strohfeuer wird“, sagte Martin W. Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. Stefan Schilbe, Chefökonom bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, sagte, der Euro könne in den kommenden Monaten bis auf 1,30 Dollar steigen. „Das würde das deutsche Wachstum 2004 ausgesprochen schwächen“, warnte er.

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