Wirtschaft : Angst vor einer neuen Blase

Hightech-Aktien sind so hoch bewertet wie lange nicht mehr. Den Beweis dafür müssen die Unternehmen erst noch erbringen

H. Mortsiefer / M. Shahd / C. Visser

Berlin. Dell Computer? „Kaufen.“ Hewlett Packard? „Kaufen.“ IBM? „Kaufen.“ – Das amerikanische Investmenthaus Prudential ist seit der vergangenen Woche auf dem Technotrip. „Nach vorne schauen“, lautet die Devise von Chefstratege Edward Yardeni. Die Gewinnprognosen der Hightech-Branche zeigten nach oben und seien für das dritte und vierte Quartal stabil geblieben. „Die Bären müssten angesichts der Qualität der Unternehmensgewinne bald aufhören zu grollen“, meint der Börsenbulle.

Doch Yardenis Optimismus könnte in der kommenden Woche auf eine harte Probe gestellt werden. Die großen Software-, Computer- und Telekommunikationskonzerne legen ihre Quartalszahlen vor: am Dienstag Motorola, am Mittwoch IBM, am Donnerstag Microsoft, Nokia und SAP und schließlich am Freitag Ericsson. Ihre Zwischenbilanzen werden die Finanzmärkte mehr bewegen als Konjunktursorgen und Zinsfantasien. Denn: Die Marktführer müssen beweisen, dass die seit Wochen steigenden Aktienkurse gerechtfertigt sind und die aufkeimende Hoffnung in der Technologiebranche handfeste Gründe hat.

Die US-Technologiebörse Nasdaq und der deutsche Tec-Dax notieren auf ihren Jahreshöchstständen. Internetwerte wie Yahoo oder Ebay werden inzwischen an der Börse wieder so hoch bewertet wie zu besten New-Economy-Zeiten. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 100 auf der Basis der für 2003 erwarteten Gewinne ist die Yahoo-Aktie dem Platzen gefährlich nahe.

Ein Indiz für eine „neue Bubble-Mentalität?“, fragt die Bankgesellschaft Berlin. Einen Vorgeschmack darauf, wie fragil der Optimismus ist, lieferte auch der Internet-Anbieter Yahoo. Trotz der wie erwartet vorgelegten Gewinnverdoppelung brachen die Aktien am Freitag um sieben Prozent ein. Insgeheim hätten Investoren wohl mit einem noch höheren Gewinnanstieg gerechnet, begründeten Börsianer den Absturz.

Die anfälligen Erwartungen der Börsianer sind jedoch nur das eine. Das andere ist die nach wie vor prekäre Lage der Industrie. Die Kapazitätsauslastung im Tech-Sektor liegt seit gut einem Jahr mit 62,5 Prozent (gesamtwirtschaftlich: 73,4 Prozent) auf dem tiefsten Stand seit mehr als 36 Jahren. „Bei einer so niedrigen Auslastung ist nur schwer vorstellbar, dass ein neuer Investitionsboom einsetzen wird“, fürchtet die Bankgesellschaft.

Auch das Marktforschungsunternehmen IDC sieht noch keine fundamentale Trendwende in der Hightech-Branche. Nach IDC-Schätzungen steigen die IT-Investitionen im laufenden Jahr weltweit nur um 0,6 Prozent. „Viele Unternehmen melden bessere Ergebnisse, weil sie massiv die Kosten gesenkt haben, aber nicht, weil sie mehr verkaufen“, sagt Elsa Opitz, IT-Analystin bei IDC. Trotzdem haben nicht nur Internetwerte in den vergangenen Monaten eine Kurs-Rallye hingelegt. Nach Angaben von Credit Suisse First Boston haben die meisten Software-Aktien im Vergleich zu ihren Tiefständen im ersten Quartal zwischen 20 und 50 Prozent gewonnen.

Die anhaltend schwache Nachfrage wird nach Einschätzung von Analysten auch den Softwarekonzern SAP nicht ungeschoren lassen. „Die Lizenzumsätze werden sinken, auch wegen des starken Euro“, sagt Alla Gorelova, SAP-Analystin beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Steigen könnten dagegen die Gewinne, weil auch SAP derzeit eisern spart. Damit geht es SAP noch immer besser als vielen Konkurrenten. „SAP kommt als Marktführer zugute, dass es eine breite Kundenbasis aufgebaut hat und eine ausgewogene Produktpalette im Angebot hat“, sagt Gorelova. Trotzdem hält sie die SAP-Aktie derzeit für „ziemlich teuer“, Vorsicht sei angebracht.

Mit Spannung werden auch die Zahlen der Handyhersteller erwartet. Die Branche hofft darauf, dass die neuen Mobilfunkgeräte mit farbigen Displays und eingebauter Kamera einen neuen Nachfrageschub bei den Verbrauchern auslösen werden. Im ersten Quartal stieg der weltweite Handy-Absatz bereits um 18 Prozent, ermittelten die Marktforscher von Gartner. Allerdings sind die Umsätze wegen des harten Preiskampfes nicht in gleichem Umfang gestiegen.

Marktführer Nokia werde von steigenden Absatzzahlen am meisten profitieren, glauben Analysten. Die Experten von Dresdner Kleinwort Wasserstein erwarten kaum Überraschungen beim Quartalsbericht von Nokia: Der Gewinn je Aktie sei unverändert mit 0,17 Euro zu erwarten, der Umsatz ebenfalls unverändert mit 6,9 Milliarden Euro.

Konkurrent Motorola werde vor allem in den USA zulegen können, erwarten die Analysten von Goldman Sachs. Allerdings hat Motorola wiederum in China, wo die Amerikaner Marktführer sind, Probleme. Zum einen stockte der Absatz wegen der Lungenkrankheit Sars, zum anderen verlor Motorola Marktanteile an die einheimische Konkurrenz. Schon im Juni hatte Motorola seine Prognosen deshalb gesenkt.

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