Wirtschaft : Anlageformen: Seit 1970 rentieren Anleihen besser als Aktien

jop/tmo

Aktien schlagen langfristig jede andere Anlageform - dies hören Privatanleger von praktisch jedem Bankberater, Fondsmanager und Wirtschaftsprofessor. Doch dieser Satz ist kein ehernes Gesetz: Seit 1970 fuhren Investoren mit deutschen Anleihen besser als mit deutschen Aktien. Das zeigt der Vergleich des Renten-Index (Rex) mit dem Deutschen Aktienindex Dax. Müssen nun alle Bankberater umlernen?

Ganz so schlimm ist es nicht, meint Professor Richard Stehle von der Berliner Humboldt-Universität. "Generell ist der längerfristige Renditevorteil der Aktie nicht in Frage gestellt", sagt er. Dass Anleihen über einen sehr langen Zeitraum besser als Aktien abschnitten, ist nämlich die Ausnahme - und nicht die Regel. Das ergaben unter anderem empirische Untersuchungen Stehles. Danach liegt die Wertentwicklung von Aktien im langfristigen Schnitt deutlicher über der von Anleihen. Der Aktienvorsprung wächst zudem, je höher die Steuerquote des Anlegers ist. Unter Steueraspekten ist übrigens der Vergleich zwischen Rex und Dax nicht ganz treffend. Denn beim Deutschen Aktienindex sind Steuerzahlungen auf Dividenden implizit berücksichtigt, beim Renten-Index dagegen nicht.

Allerdings liegen Anleihen auch bei Berücksichtigung steuerlicher Abzüge über lange Zeiträume vorne - so etwa während der 70er Jahre. Dass Aktien kurzfristig Geldvernichter sein können, mussten viele Anleger in den vergangenen zwei Jahren schmerzhaft erfahren. Sind sie jetzt aber auch langfristig eher eine mittelmäßige Alternative zum Sparbuch? Und was heißt überhaupt "langfristig"? Das Deutsche Aktieninstitut hat die Erträge von Aktien und Anleihen studiert. Im längsten untersuchten Zeitabschnitt - knapp 300 Jahre - errechnet sich für Großbritannien eine Aktienrendite von etwas mehr als sechs Prozent, während Renten bei 4,6 Prozent liegen. Wer also für seine Urururenkel spart, kann getrost auf Aktien setzen. Auch auf Sicht von zehn Jahren liegen Aktien in den allermeisten Fällen vorne. Aber eben nicht immer.

In der Geschichte der Finanzmärkte tauchen immer wieder Phasen auf, in denen Investoren mit Anleihen weit besser fahren. William Dawson von der Fondsgesellschaft Federated Investors in Pittsburgh ordnet die Wendepunkte so ein: "Am Ende eines Konjunktur-Zyklus und durch die Rezession hindurch schlagen Staatsanleihen Aktien und andere Anlagen. Danach drehen sich die Verhältnisse wieder." So lässt sich auch die eindrucksvolle Wertentwicklung der Anleihen in den vergangenen 30 Jahren erklären: Während der gesamten 70er Jahre dümpelten die Aktienkurse vor sich hin, weil Ölpreisschocks und weltweite Konjunkturkrisen die Börsen belasteten. In diesem Zeitraum hatten Anleihen mit knapp zehn Prozent pro Jahr klar die Nase vorn. Die Aktien im FAZ-Index erzielten nur mickrige 1,4 Prozent jährlich (allerdings enthält der FAZ-Index keine Dividenden). Berücksichtigt man die damals hohe Inflation, dann erlitten Aktionäre sogar über Jahre reale Wertverluste. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 80er Jahre drehten sich jedoch die Verhältnisse. Selbst der Börsencrash von 1987 war im Rückblick nur ein kleiner Knacks in einem langem Kursaufschwung (Bullenmarkt). Doch schon in der ersten Hälfte der 90er Jahre überholten Anleihen die Aktien wieder - wiederum drückte eine Rezession die Kurse nach unten. Dann folgte der schier unglaubliche New-Economy-Boom der Börsen, dem im Frühjahr 2000 der nicht minder rasante Absturz folgte.

Fragt sich nur noch, wie das Rennen zwischen Aktien und Anleihen weiter geht. "Das kann niemand prognostizieren", so Professor Stehle, "das ist ja das Spannende an der Börse, persönlich tippe ich auf die Aktie". Sicher ist nur: Auch künftig wird die konservative Anleihe phasenweise die Aktie ausstechen. Oliver Plein, zuständig für Investor Information bei der Dresdner-Bank-Fondsgesellschaft DIT, rät: Sobald Anzeichen einer Konjunkturerholung auftauchen, dürften Anleger am Aktienmarkt besser aufgehoben sein. Daneben spielt auch die Inflation eine Rolle, so Plein: Je niedriger sie ist, umso besser für Anleihen.

Nur: Selbst unter Anlageprofis herrscht derzeit große Unsicherheit über den weiteren Verlauf der weltweiten Konjunktur und der Börsen. Deshalb setzt Dachfondsmanager Hermann-Josef Hall vom Vermögensverwalter Sauren auf den goldenen Mittelweg: "In ein ausgewogenes Portfolio gehören spekulative Anlagen wie Aktien genauso hinein wie konservative Anleihen", sagt Hall. In guten Aktienzeiten mag ein Rentenanteil im Portefeuille den Gewinn schmälern. Doch dafür fangen Anleihen in schlechten Zeiten die Kursverluste des Aktiendepots zumindest teilweise auf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben