Wirtschaft : Anleger ärgern sich am Freitag schwarz

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Berlin (beh). Frustration, Nervosität, Angst: Gefühle, die den Seelenzustand der mehr als drei Millionen privaten Telekom-Aktionäre derzeit am besten widerspiegeln. Auch der Freitag war für die T-Aktie schwarz. Sie stürzte auf ein Rekordtief und zum ersten Mal auf einen einstelligen Wert. Am frühen Abend war das Papier nur noch 9,96 Euro wert und sorgte für einen Gutteil der Verluste im Deutschen Aktienindex (Dax). Der Index verlor bei hohen Umsätzen kräftige vier Prozent und fiel auf 4289,43 Punkte. Der Nemax 50 am Neuen Markt sank sogar um 5,9 Prozent auf den historischen Tiefstand von 636,79 Zählern. Der Dow Jones startete in New York mit einem Minus von 1,5 Prozent.

Millionen von T-Aktionären wünschen sich derzeit, sie hätten die Papiere des Bonner Konzerns längst abgestoßen. „Furchtbar ängstlich“ seien seine Klienten, sagt der Anwalt Hans-Joachim Wiebe von der „Aktionsgemeinschaft geschädigter T-Aktionäre“. Wiebe vertritt 250 Mandanten, die gegen die Telekom klagen, weil der Konzern in seinem Prospekt zur dritten T-Aktien-Emission im Sommer 2000 falsche Angaben über die Immobilienbewertung gemacht habe. Die 250 Aktionäre wollen gerichtlich erwirken, dass ihnen die Telekom die Papiere zum Emissionspreis von 63,50 Euro wieder abkauft. Eine ähnliche Klage läuft von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Anwalt Wiebe selbst fühlt sich „schon lange verschaukelt“, bleibt aber gelassen und glaubt an einen Erfolg vor Gericht.

Wiebes Mandanten blicken teilweise allerdings mit erhöhtem Pulsschlag auf die Kursentwicklung. Ein älteres Ehepaar, so berichtet Wiebe, ließ sich seine Lebensversicherung auszahlen und investierte die gesamten 100 000 Euro in die T-Aktien der dritten Emission. Die vom Telekom-Vorstand und vom Großaktionär Bund als Witwen- und Waisenpapier gelobten Aktien sollten die Altersvorsorge des Paares sein. Doch in der Zwischenzeit ist das Vermögen deutlich geschrumpft. Von den 100 000 Euro sind nicht einmal mehr 20 000 Euro übrig geblieben. Klagen will das Ehepaar nicht – die Kosten sind ihm zu hoch.

Von Menschen, die ihre gesamte Altersvorsorge auf T-Aktien aufgebaut haben, berichten auch die Aktionärsschützer. Schon im vergangenen Jahr hätten sich viele verängstigte Kleinaktionäre gemeldet, sagt Stefanie Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Aktionäre der dritten Emission sind besonders betroffen. „Sie hatten kaum Gelegenheit, mit Gewinn zu verkaufen“, bedauert Krüll.

„Die Geschichte der Volksaktie ist die Geschichte eines großen Traums, der zerplatzt ist“, meint der Börsenpsychologe Joachim Goldberg. Er glaubt allerdings nicht, dass der Fall unter zehn Euro große Panik bei den Anlegern hervorruft. Die stärkste Zäsur sei der Fall unter den Emissionspreis gewesen. Die meisten Kleinaktionäre hätten sich an die Verluste inzwischen gewöhnt. Die Wut auf das Telekom-Management sei früher größer gewesen. Allerdings sieht Goldberg auch einen zunehmenden Pessimismus, der deutlich stärker sei als nach dem 11. September. Es gebe kaum noch einen Privatanleger, der an die Wachstumsstory von Ron Sommer glaube. Überhaupt sei es für Analysten an der Zeit, das „Gerede von der Unterbewertung“ zu beenden. Goldberg: „Gesundbeten hilft nichts.“ Von den Banken fordert er eine stärkere Beratung der Anleger. „Die Aktionäre sind nicht genügend ausgebildet.“ Viele verstünden die jetzigen Bewegungen nicht mehr. Gerade in Krisenzeiten sei der Rat der Banken gefordert.

Allerdings sieht der Börsenpsychologe, einer der anerkanntesten seines Metiers in Deutschland, auch Fehler der Aktionäre. Viele hätten ihre Papiere verkaufen müssen. „Wer Aktien kauft, muss sich von Beginn an überlegen, wie weit die Kurse sinken dürfen, bevor er aussteigt. Bei 30 Prozent sollte ich spätestens aussteigen.“ Es sei allerdings eine menschliche Eigenschaft, Verluste viel zu spät wahrhaben zu wollen und zu realisieren. T-Aktionären rät Goldberg, die Verluste der Vergangenheit jetzt nicht durch Nachkäufe ausgleichen zu wollen. Ein Fehler, der häufig gemacht werde, weil die Kurse nach hohen Verlusten günstig erschienen.

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