Wirtschaft : Anleger an der Wall Street schichten ihre Depots um

WALTER PFAEFFLE

Die bisherigen Lieblinge der US-Börse machen ihren Besitzern zunehmend Kummer.Für viele gibt es da nur einen Lösung: Umschichten.Hochbewertete Technologieaktien fliegen zugunsten der bisher geschmähten Industriewerte aus den Portfolios heraus.Die Rotierungen trieben die Zahl der an der Leitbörse New York Stock Exchange (Nyse) gehandelten Titel an diesem Donnerstag auf mehr als eine Milliarde.Es war das viertgrößte Umsatzvolumen seit Bestehen der Nyse.Da sich die Umschichtungen vorwiegend innerhalb der Börsenindizes abspielten, kam es bei den Indizes selbst zu keinen scharfen Ausschlägen.Doch "cyclicals" wie Boeing, Caterpillar und International Paper, deren Schicksal von der Gesamtwirtschaft abhängig ist, schossen steil in die Höhe.Boeing zum Beispiel verzeichnen seit Anfang des Monats ein Plus von 30 Prozent.Die bisherigen "darlings" der Wall Street - IBM, Merck und General Electric und etliche Hochtechnologiewerte - verlieren ihren Charme."Eine derart dramatische Umschichtung in zyklische Aktien habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt", sagt Jon Olesky, Aktienhändler bei Morgan Stanley Dean Witter.In Erwartung einer weltwirtschaftlichen Erholung hat der Dow Jones am Donnerstag bei 10 462 den vierten Rekordabschluß in Folge erzielt.

Dagegen standen Techologiewerte die ganze Woche unter starkem Abgabedruck.Donnerstag nachmittag nutzten jedoch Schnäppchenjäger die jüngste Baisse zu Rückkäufen.Das transportierte den technologielastigen Nasdaq-Index, der im Verlauf steil abgerutscht war, in die Gewinnzone.Die Umschichtungen sind dennoch beachtlich.Bei International Paper beispielsweiese wechselten neun Mill.Aktien den Besitzer, das Sechsfache des durchschnittlichen Tagesvolumens, und beim Papier- und Baumaterialienhersteller Georgia-Pacific lag das Handelsvolumen um das Siebenfache über dem Normalstand.Der Aluminiumwert Alcoa hat seit 5.April 32 Prozent zugelegt.

"Die Anleger schauen sich die hohen Bewertungen an, vor allem bei den Technologieaktien; sie kassieren Gewinne und investieren den Erlös in einige der bisher von der Böre gemiedenen Notierungen wie Deere, Ingersoll-Rand, United Technologies und andere Dow-Jones-Aktien", sagt J.Thomas Madden, Chefanlage-Manager bei Federal Investors.Maddens Firma begann vor mehreren Wochen damit, ihren Bestand an America-Online-Aktien abzubauen."Der AOL-Anteil an unserem Gesamtportfolio war einfach zu hoch", sagte er.Gleichzeitig hat sich Federal laut Madden mit zyklischen Werten wie Schlumberger und Deere eingedeckt.Mit ein Grund für den Drang in die "cyclicals" ist nach Meinung von Alfred Kugel, Anlagestratege bei Stein Roe & Farnham Investment Management, die höher als erwartete Zinssenkung der Europäischen Zentralbank am 8.April gewesen.Das habe an der Wall Street Hoffungen auf eine wirtschaftliche Erholung geweckt.Der Investmentstratege Peter Canelo bei Morgan Stanley Dean Witter weist darauf hin, daß die zyklischen Aktien wesentlich billiger sind als Technologiewerte.Der Landmaschinenhersteller Deere zum Beispiel werde bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zwölf gehandelt, während der Netzwerkproduzent Cisco System um mehr als das Hundertfache des Gewinns pro Aktie kostet.

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