• ANLEGER Frage: An Claus-Günther Richardt Leiter des Bereichs Vermögensanlagen bei der Berliner Sparkasse

ANLEGER Frage : An Claus-Günther Richardt Leiter des Bereichs Vermögensanlagen bei der Berliner Sparkasse

Droht jetzt eine Deflation?

An Claus-Günther Richardt

Die Inflationsrate ist so niedrig wie seit vier Jahren nicht, droht jetzt eine Deflation und was hieße das für Privatanleger?

Die Teuerung in Deutschland liegt derzeit bei 1,2 Prozent, im europäischen Durchschnitt sind es sogar nur 0,7 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) orientiert sich an einer Inflation von nicht über, aber nahe an zwei Prozent. Diese Zielmarke wird derzeit deutlich unterschritten. Würde sich diese Entwicklung fortsetzen, könnten die Konsumentenpreise irgendwann sogar fallen. Trifft dies nicht nur für einzelne Artikel, sondern im Durchschnitt für den gesamten Warenkorb zu, spricht man von Deflation. Für Sparer klingt dies nach einem Goldenen Zeitalter: Die Zinsen auf das Ersparte blieben zwar niedrig. Doch tröstet darüber die künftig größere Kaufkraft des Ersparten hinweg.

Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Deflation kann zugleich zu wirtschaftlichem Stillstand führen, weil sie das Abwarten belohnt, wenn morgen alles noch günstiger zu haben ist. Darunter leiden Umsatz und Gewinn der Firmen. Als Kreditnehmer hätten Unternehmen und auch Staaten geringere Einkünfte, ohne dass sich ihre Schuldenlast verringerte. Sie müssten sich also stärker einschränken, Investitionen blieben aus.

In diesem Umfeld kann dann auch nicht jedes zuvor gemachte Renditeversprechen in Erfüllung gehen. Also trifft die Deflation am Ende auch wieder den Privatanleger, weil sie seine Anlageentscheidungen riskanter werden lässt. Diese Entwicklung konnte man in den letzten 15 Jahren in Japan beobachten, das sich nur langsam und mit einem enormen Aufwand aus dieser Abwärtsspirale befreien kann.

Um Deflationsgefahren gar nicht erst aufkommen zu lassen, hat die Europäische Zentralbank den Leitzins kürzlich ein weiteres Mal gesenkt. Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob dieses Eingreifen angemessen und nötig war. Fakt ist, dass die Zinsen niedrig bleiben.

Wie lange bleibt das noch so? Den Rückgang der Inflation, den wir zuletzt erlebt haben, verdankten wir vorrangig äußeren Einflüssen, wie etwa sinkenden Import- und Rohstoffpreisen. In dieser Situation tragen stabile Preise eher dazu bei, die Nachfrage zu stimulieren. Die Konsumentenbefragungen in Europa bestätigen dies: Die Verbraucher sorgen sich derzeit weniger. Allerdings beginnt sich der Wind zu drehen. Seit dem Zinsentscheid der Währungshüter ist der Euro schwächer geworden, so dass wir künftig wohl eher wieder Preissteigerungen importieren. Möglicherweise schlagen die Inflationsdaten also demnächst wieder nach oben aus. Die Zinsen dürften ihnen dann folgen.

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