ANLEGER Frage : An Marcel Hoffmann Anlageexperte für vermögende Privatkunden der Deutschen Bank

Wir robust ist der Aktienmarkt?

An Marcel Hoffmann

Die Berichtssaison zum ersten Halbjahr 2012 zeigt, dass auch die deutschen Konzerne von der Rezession in Südeuropa betroffen sind. Wie robust ist der deutsche Aktienmarkt? Müssen sich Anleger bald auf eine Korrektur einstellen?

Vielen Unternehmen fällt es aktuell schwer, die Erwartungen der Analysten zu übertreffen – das zeigen die bislang für das zweite Quartal vorliegenden Zahlen. Dennoch gibt es über alle Branchen hinweg positive Überraschungen. In der Summe verläuft die Berichtssaison bisher leicht unterhalb des langjährigen Durchschnitts. Allerdings nehmen die Unterschiede bei Umsatz und Gewinn zwischen den einzelnen Firmen zu. Hierfür ist vor allem die Abkühlung der globalen Konjunktur verantwortlich, die aus der Schuldenkrise resultiert. Die Rezession in den Euro-Peripherieländern wirkt also auf Umwegen auch auf die deutschen Konzerne. Diese können das rückläufige Europageschäft aber zum Teil durch höhere Exporte in andere Regionen der Welt ausgleichen. Dabei hilft der schwächere Euro vor allem denjenigen Firmen, die Marktführer sind und über Innovationskraft und gutes Kostenmanagement verfügen.

Die teils deutlichen Verluste an den Märkten im zweiten Quartal haben die Schwäche der Weltkonjunktur und deren Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft weitgehend vorweggenommen. Die zuletzt freundliche Kursentwicklung im Juli spiegelt die Hoffnung wider, dass sich die Euro-Krise nicht weiter verschärft, die US-Wirtschaft ihre Schwäche überwindet und die Wachstumsländer wie China in der zweiten Jahreshälfte wieder an Dynamik gewinnen. Zugleich setzen die Investoren auch auf Impulse durch die Fiskal- und Geldpolitik. Diese dürften in den Wachstumsländern, die über solide Staatsfinanzen verfügen, deutlicher wirken als in den meisten Industrieländern. So wird der US-Staatshaushalt gegen Jahresende der vereinbarten Schuldenobergrenze wieder bedrohlich nahekommen, was im US-Wahlkampf für unsichere und volatile Märkte sorgen könnte.

Daher richten sich die Augen der Anleger verstärkt auf die Notenbanken. Sie erwarten vor allem eine geldpolitische Lockerung in den USA. Spielräume bei den Leitzinsen sind bei dem niedrigen Zinsniveau kaum vorhanden. Die US-Fed könnte die Käufe von Staatsanleihen ausweiten. Auch die Politik der Europäischen Zentralbank könnte als Vorbild dienen. Diese hatte im Kampf gegen die Krise Staatsanleihen aufgekauft, dem Finanzsektor massiv Liquidität zugeführt und zuletzt die Bereitschaft zu weiteren Maßnahmen angedeutet. An den Aktienmärkten wirkt die Hoffnung auf diese geldpolitischen Maßnahmen kurstreibend, auch wenn das konjunkturelle Umfeld anspruchsvoll bleibt.

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