ANLEGER Frage : An Oliver Borgis Leiter der Vermögensverwaltung der Weberbank

Machen Wahlen Kurse?

An Oliver Borgis

Was ist eigentlich dran an der Regel, dass mit einem positiven Aktienmarkt zu rechnen ist, wenn in den USA eine Präsidentschaftswahl ansteht?

Wahljahre sind Wahlgeschenkjahre. Und diese können sich positiv auf die Kapitalmärkte auswirken. Die Kausalkette baut auf einem kurzlebigen Wählergedächtnis auf. Ein Politiker platziert schmerzhafte Sparmaßnahmen und nicht einzulösende Versprechen am besten gleich nach seiner Wahl, um rechtzeitig vor dem nächsten Termin wieder aus dem Vollen schöpfen zu können. Der jeweils amtierende Präsident versucht also, die Wählerschaft durch populäre und wirtschaftsfördernde Maßnahmen pünktlich zur Stimmabgabe freundlich zu stimmen. Bedacht werden Konsumenten, Steuerzahler, die Wirtschaft und Lobbygruppen. Im Fokus steht die Schaffung von Arbeitsplätzen, denn eine gut laufende Konjunktur ist eine machtvolle Motivation bei der Stimmabgabe. Befindet sich der Verteidiger im Amt dabei auf verlorenem Posten, so hat es der Herausforderer leicht, Hoffnung auf einen positiven Wandel zu schüren. So oder so fassen die Anleger Mut, von prosperierenden Aktienmärkten ist auszugehen. Klingt fundiert, ist aber statistisch nur schwach belegbar.

Seit 1928 schlossen die US-Aktienmärkte 64 Prozent aller Jahre mit einem Kursanstieg ab. In den Jahren einer US-Präsidentschaftswahl waren es nur wenig mehr, nämlich 71 Prozent aller Jahre. Zudem basiert die Regel auf 21 Wahljahren seit 1928 – statistisch eine eher geringe Grundgesamtheit.

Ein republikanischer Gewinner wird mit etwas freundlicheren Kursen begrüßt als ein Präsident aus der Demokratischen Partei. Meist starten die Aktien dabei zum Jahresende richtig durch. Wenn aber schon der Januar eines Wahljahres Aktiengewinne brachte, dann wurde seit 1945 auch das Gesamtjahr ohne Ausnahme positiv abgeschlossen. Das Jahr 2012 steht also scheinbar unter einem sehr guten Stern des Urnengangs.

Aber Vorsicht: Die Statistik der Wahlrhythmen macht das Jahr vor der Präsidentenkür als ähnlich vielversprechend und oft sogar als das noch stärkere aus. 2011 kann demnach bestenfalls gedeutet werden als die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Und noch eine Einschränkung: Auf den deutschen Markt lässt sich die Regel nicht übertragen. Auch die Annahme, dass gute US-Wahljahre auch auf die heimischen Börsen überspringen, bestätigt sich nicht. Seit 1960 lässt sich dies anhand von Daten des Dax überprüfen. Nur 54 Prozent der US-Wahljahre konnte der Dax seitdem positiv abschließen. Wahlgeschenke werden nun mal vornehmlich im Inland verteilt.

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