ANLEGER Frage : An Oliver Borgis Leiter der Vermögensverwaltung der Weberbank

Droht eine Spekulationsblase?

An Oliver Borgis

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat überraschend den Leitzins für die EuroZone weiter gesenkt. Kritische Beobachter warnen nun davor, dass die Suche nach Rendite auf einigen Märkten Spekulationsblasen verursachen könnten. Welche Märkte sind das? Wie groß ist die Gefahr?

Der Schmerz niedriger Zinsen bringt Anleger in Versuchung, auf Risikopapiere auszuweichen, so dass es in diesen Märkten eng und explosiv ungemütlich werden kann. Entstehende Höchstkurse sind natürlich kein Exzess, wenn der Rekord fundamental begründet ist. An den Aktienmärkten sind die Gewinne der Unternehmen mitgestiegen. Die Kurs-Gewinn- Verhältnisse sind durchweg im normalen Bereich. Für den Dax liegt es beispielsweise bei 15 – kein Vergleich mit den Werten um 80 während der Technologieblase der Jahre 1999 und 2000. Ähnlich fundiert sind auch die Bewertungen an den Aktienmärkten anderer Industrie- und Schwellenländer.

Ob die Anleihemärkte noch geerdet sind, zeigt eine Schnellprüfung anhand der Inflationserwartungen und des Wirtschaftswachstums. Die Wertschöpfung durch den Kreditnehmer, an der der Anleger partizipieren kann, darf bei einem Staat als eher niedriger unterstellt werden als bei Unternehmen. Dafür wird aber auch eine bessere Bonität geboten – meistens. Deutsche Staatspapiere waren zwischen Mitte 2010 und Mitte 2012 deutlich geringer verzinst als die Daumenregel erwarten ließe, was äußerst selten auftritt und Indiz für eine Blase ist. Aktuell aber befinden sie sich wieder auf einem nachvollziehbaren Niveau. Anders in den USA: Dort sind die Anleihenmärkte noch immer zu teuer. Kein Wunder, denn anders als die EZB greift die US-Notenbank direkt durch massive Käufe von Staatsanleihen und Hypothekenpapiere in die Preisbildung ein.

Gerade bei den sicheren Anlagen sind die Alternativen rar gesät. So nehmen renditesuchende Privatanleger vornehmlich Unternehmensanleihen ins Visier. Für institutionelle Anleger gilt das ebenso, sie müssen wegen entsprechender Anlagerestriktionen zudem oftmals im Investmentgrade-Ratingbereich bleiben. Entsprechende Unternehmensanleihen sind mit einem Renditeaufschlag von durchschnittlich nur noch rund 0,6 Prozentpunkten gegenüber deutschen Pfandbriefen daher in Relation recht teuer geworden, im langfristigen Vergleich aber noch nicht überzogen bewertet.

Insgesamt ist die Blasengefahr auch trotz der abermaligen Zinssenkung noch nicht groß. Erste Verdächtige für mögliche Ikarusflüge sind neben dem Immobilienmarkt heimische Unternehmensanleihen aus dem Euro-Raum und nicht etwa Schwellenländeranleihen.

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