Wirtschaft : Anleger müssen euro-weit denken

Experten am Tagesspiegel-Telefon geben Tips für die Geldanlage im "Euro-Land"Der Euro kommt, das ist gewiß.Doch was heißt das für die Anleger? Was wird aus den Zinsen, und wie werden sich die Aktienmärkte auf die neue europäische Gemeinschaftswährung, die am 1.Januar 1999 auch bei uns ihren Einzug halten wird, einstellen? Fragen über Fragen an die Experten, die am Mittwoch nachmittag am Tagesspiegel-Euro-Telefon Rede und Antwort standen.Heinz Grimm von der Bankgesellschaft Berlin, Andreas Herschel von der Deutschen Bank Berlin und Martin Laubisch von der Berliner Volksbank waren sich in einem einig: Der Euro bringt den Anlegern neue Perspektiven.Was die Fachleute im einzelnen empfehlen, lesen Sie hier. FRAGE: Wird der Euro die Börse beflügeln? ANTWORT: Ja.Der Euro wird aber auch das Anlegerverhalten ändern.Man wird sich zunehmend von den Ländergrenzen lösen und an der Börse verstärkt branchenorientiert investieren.Künftig werden Aktienkäufer und -verkäufer nicht mehr nur auf Deutschland schauen, sondern auf den ganzen Euro-Raum.Der Grund: Die Konjunktur in Europa läuft weitgehend synchron.Wenn BMW gut dasteht, spricht einiges dafür, daß auch Fiat oder Renault von einer Nachfragewelle profitieren. FRAGE: Werden Werte aus Ländern wie Italien oder Portugal durch den Euro interessanter? ANTWORT: Ja.Die Länder in der Euro-Peripherie wie Italien, Spanien oder Portugal profitieren vom Euro noch mehr als die Kernländer Deutschland oder Frankreich.Das Gewinnpotential ist hier besonders hoch.Daher empfehlen viele Anlageberater, Aktien von Unternehmen aus den südlichen Euro-Ländern, aber auch aus Irland oder Finnland zu kaufen.Klar ist: Die Anleger müssen künftig internationaler denken.Das alte Klischee, die Lira, die Peseta oder der Escudo seien Weichwährungen, läßt sich unter dem Euro nicht mehr aufrechterhalten. FRAGE: Welche Werte empfehlen Sie ganz konkret? ANTWORT: Bei den Unternehmen aus Italien oder Spanien sind derzeit Versorger, Telekommunikationsfirmen und Banken interessant, etwa Banco Santander, Telecom Italia oder Endesa.In den nördlichen Euro-Ländern Niederlande, Deutschland oder Frankreich bieten sich zur Zeit die Branchen Auto, Chemie und Maschinenbau an. FRAGE: Sollte man sich beim Kauf an den Titeln orientieren, die im neuen Euro-Stoxx-50-Index enthalten sind? ANTWORT: In dem neuen Börsenbarometer sind die Blue Chips der Euro-Länder enthalten.Der Index kann daher schon als Orientierungshilfe dienen. FRAGE: Welche Fonds werden vom Euro begünstigt? ANTWORT: In erster Linie Aktienfonds, die in den Euro-Teilnehmerstaaten anlegen.Aber auch Immobilienfonds könnten vom Euro profitieren.Allerdings werden auch die Fondsgesellschaften noch internationaler operieren müssen.Gewinnchancen locken nämlich vor allem bei Immobilieninvestments in Portugal, Spanien oder Irland.In Deutschland wird dagegen die staatliche Förderung, die Immobilienfonds bisher interessant macht, zunehmend abgespeckt. FRAGE: Wird der Dollar an Wert verlieren, wenn der Euro kommt? ANTWORT: Das kann gut sein.Denn möglicherweise kehren viele Anleger, die in der Vergangenheit vor dem Euro in den Dollar geflohen sind, zurück, wenn sie erkennen, daß der Euro doch eine gute Sache ist.Die neue europäische Gemeinschaftswährung hat nämlich durchaus das Zeug, härter zu werden als die D-Mark. FRAGE: Wie soll das denn gehen? ANTWORT: Vergessen Sie nicht, daß der Außenwert der D-Mark in den vergangenen Jahren keineswegs immer hoch war.Auch unsere Währung schwankt beträchtlich.Erinnern Sie sich nur daran, daß der Dollar schon mal auf 1,37 DM stand.Nun kostet er wieder mehr als 1,80 DM.Die Dollarstärke ist auch eine D-Mark-Schwäche.Zudem haben auch die anderen europäischen Währungen gegenüber der D-Mark mächtig aufgeholt. FRAGE: Aber muß man denn nicht befürchten, daß Wackelkandidaten wie Italien oder Belgien nach dem Start der Währungsunion wieder in den alten Schlendrian verfallen? ANTWORT: Das muß man abwarten.Nach dem Vertrag von Maastricht sind alle Euro-Länder gehalten, sich auch nach dem Start der Währungsunion an die Konvergenzkriterien zu halten. FRAGE: Hinauswerfen kann man Stabilitätssünder aber später nicht, oder? ANTWORT: Wer gegen die Maastricht-Kriterien verstößt, muß nach dem Stabilitätspakt eine Geldbuße zahlen.Allerdings dürfte das tatsächlich ein stumpfes Schwert sein.Wenn ein Land wieder verstärkt Schulden macht, ist es wenig sinnvoll, den Schuldenberg noch mit Geldbußen zu erhöhen.Die Möglichkeit, ein Euro-Land, das sich einmal für die Währungsunion qualifiziert hat, später wieder auszuschließen, gibt es aber in der Tat nicht, da haben Sie recht. FRAGE: Griechenland hat kürzlich die Drachme um 14 Prozent abgewertet.Wie kann ich das nutzen? ANTWORT: Nun, zum einen wird natürlich Ihr nächster Griechenland-Urlaub billiger.Zum anderen tun sich hier aber auch interessante Anlagealternativen auf.Denn die Abwertung zeigt, daß auch Griechenland es ernst meint mit einem späteren Beitritt zur Währungsunion, gedacht ist an das Jahr 2001.Dann würde auch die Drachme vom Euro abgelöst.Das heißt: Rentenpapiere, die vorher auf Drachme lauteten, werden dann in Euro ausgezahlt.Wenn man bedenkt, daß Griechenland zur Zeit eine zweistellige Nominalverzinsung bei Renten anbietet, ist das nicht ohne. FRAGE: Ich traue dem Braten nicht.Wie kann ich mich gegen den Euro absichern? ANTWORT: Gegen Kursverluste können Sie sich durch Fonds mit Kapitalrückgabegarantie - bei denen Sie später Ihr eingezahltes Kapital garantiert zurückgezahlt bekommen - schützen.Falls Sie befürchten, daß der Euro instabil wird, bieten die Banken Ihnen Doppelwährungsanleihen.Bei diesen Papieren können Sie am Ende wählen, ob die Auszahlung in Euro oder einer anderen Währung, etwa in US-Dollar, erfolgen soll. FRAGE: Was wird aus den Zinsen? Gehen die bald endlich mal wieder in die Höhe? ANTWORT: Im "Euro-Land" werden die Zinsen wahrscheinlich leicht steigen.Der Euro dürfte nämlich die Konjunktur beleben.Zugleich ist nicht damit zu rechnen, daß die Inflation ansteigt. FRAGE: Wird der Euro das Zinsgefälle in Europa einebnen? ANTWORT: Grundsätzlich gilt: Gleiche Risiken, gleiche Laufzeiten, gleiche Zinsen.Wie gesagt, sind die Mitgliedsländer der Währungsunion gehalten, auch in Zukunft stabilitätsorientiert zu wirtschaften.Zudem wird auch die Europäische Zentralbank steuernd eingreifen.Sollte aber dennoch in den nächsten Jahren ein Land den Pfad der Haushaltsdisziplin verlassen, würden die Kapitalmärkte das natürlich umgehend ahnden.Die Anleger bekämen dann für Anleihen aus solchen Ländern wieder höhere Zinsen, es sei denn, die Euro-Partner würden mit Transferzahlungen aushelfen.Das ist aber sehr unwahrscheinlich. FRAGE: Kommen Bundesschätze und -obligationen 1999 noch in D-Mark heraus? ANTWORT: Nein.Ab dem 19.Januar werden die neuen Wertpapiere des Bundes nur noch in Euro emittiert.Auch für "Altpapiere" gilt: Zins- und Rückzahlungen ab diesem Stichtag nur noch in der neuen Europa-Währung. FRAGE: Kann ich im nächsten Jahr auch mein Bankkonto auf Euro umstellen? ANTWORT: Ja, auf Wunsch des Kunden stellen die Banken Ihr Konto kostenlos um.Wer sich nicht äußert, bekommt in der dreijährigen Übergangsphase für den Euro (1.Januar 1999 bis 31.Dezember 2001) seine Kontoabrechnungen aber weiterhin in D-Mark. Fragen und Antworten wurden zusammengestellt von Heike Jahberg

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