Wirtschaft : Anleger rechnen mit dem Abschwung

Angst vor Belastungen ab 2007 drückt ZEW-Konjunkturindex im August auf ein Fünfjahrestief

Carsten Brönstrup

Berlin - Die deutsche Konjunktur steuert nach Ansicht von Finanzfachleuten auf eine deutliche Verlangsamung zu. Der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bei Analysten ermittelte monatliche Konjunkturindex sank im August deutlich um 20,7 Punkte und steht nun bei minus 5,6 Punkten. Das teilte das Institut am Dienstag mit. Dies war der siebte Rückgang in Folge und der niedrigste Wert seit Juni 2001. Wirtschaftsforscher werteten dies als Bestätigung dafür, dass der Höhepunkt des Aufschwungs vorüber ist und sich die Wachstumsrate im kommenden Jahr halbieren wird. Die Börse bekam durch die ZEW-Zahlen einen Dämpfer und erreichte nur das Niveau des Vortages.

Mit der aktuellen Wirtschaftslage sind die Experten dem ZEW zufolge dagegen zufrieden. Der entsprechende Indikator stieg von 23,3 Punkten im Juli auf nun 33,6 Punkte im August. Vergangene Woche hatte das Statistische Bundesamt ein außergewöhnlich starkes Wachstum im zweiten Quartal gemeldet und auch die Zuwachsraten für die Monate davor nach oben korrigiert.

Skepsis herrscht allerdings in Bezug auf die kommenden sechs Monate, weil laut ZEW die bisherigen Stützen der deutschen Konjunktur – die Binnenwirtschaft und der Export – allmählich brüchig werden. Die Lage für 2006 und die Erwartungen für das kommende Jahr liefen weit auseinander, analysierte Institutschef Wolfgang Franz, zugleich Mitglied im Rat der Wirtschaftsweisen. „Für 2007 ziehen dunkle Wolken am Horizont auf.“ Wegen der teuren Energie und der steigenden Mehrwertsteuer werde der private Konsum kein Konjunkturmotor mehr sein. Zudem würden laut ZEW die Koalitionspläne zur Reform der Unternehmensteuer Investitionen verteuern. Hinzu komme, dass der Export wegen der schwächer werdenden US-Konjunktur und des starken Euro-Wechselkurses nachlassen werde.

Auf eine geringere globale Dynamik deutet auch der jüngste Konjunkturindex des Münchener Ifo-Instituts für die Weltwirtschaft hin. Im dritten Quartal sei er von 111,0 auf 105,6 Zähler gesunken, hieß es unter Berufung auf eine Umfrage unter 1000 Experten aus 90 Ländern. Am stärksten sei der Indikator für Nordamerika gesunken.

Ökonomen zufolge müssen sich die Deutschen in den kommenden Monaten nun auf schlechtere Zeiten einstellen. „Zwischen Januar und Ende März 2007 wird die Wirtschaftsleistung zurückgehen“, sagte Andreas Scheuerle, Deutschland-Experte bei der Deka-Bank, dieser Zeitung. „Der Aufschwung wird von zwei Seiten in die Zange genommen, das kann nicht gut gehen.“ Eine Rezession – also der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts über zwei Quartale – sei aber nicht zu befürchten. „Ab April 2007 wird die deutsche Wirtschaft wieder leicht wachsen, im gesamten Jahr kommt sie aber über ein Plus von 0,8 Prozent nicht hinaus.“

Lothar Hessler, Forscher bei HSBC Trinkaus&Burkhardt, befand, die Konjunktur werde die anstehenden Belastungen durch die Politik „nicht einfach so wegstecken“. Das gelinge auch angesichts eines Wachstums von bis zu 2,5 Prozent in diesem Jahr nicht. „Den Aufschwung einfach fortschreiben zu wollen ist Wunschdenken.“

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