Wirtschaft : Anleger sind sensibel geworden für klare Signale

FRIEDERIKE BECKER

Kein Wunder, daß sich die Zahl der Unternehmen mehrt, die Gewinnwarnungen bekanntgeben.Die Turbulenzen in Rußland, Lateinamerika und Asien und die instabile Börse hinterlassen bei den Betrieben tiefe Spuren.Zuletzt teilte der Chemiekonzern Hoechst am vergangenen Montag mit, daß der operative Gewinn im Gesamtjahr 1998 aller Voraussicht nach unter dem des Vorjahres liegen werde.Die Börse reagierte mit Kursabschlägen von über acht Prozent.Was veranlaßt Aktiengesellschaften dazu, eine Gewinnwarnung herauszugeben?

Bei der jährlichen Vorlage ihrer Bilanzzahlen nutzen Unternehmen die Gelegenheit gerne, um einen Ausblick auf die zu erwartene Gewinnentwicklung zu präsentieren.Stellen sie im Laufe des Geschäfstjahres fest, daß die Prognosen zu optimistisch waren und die Ergebnis-Ziele nicht eingehalten werden können, können sie eine Gewinnwarnung veröffentlichen.Die Firmen sind nicht gehalten, vage Spekulationen über die Geschäftsentwicklung bekanntzugeben.Das Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) schreibt allerdings vor, daß ein Unternehmen "unverzüglich eine neue Tatsache veröffentlichen muß, die in seinem Tätigkeitsbereich eingetreten und nicht öffentlich bekannt ist, wenn sie wegen der Auswirkungen auf die Vermögens- und Finanzlage oder auf den allgemeinen Geschäftsverlauf des Betriebes geeignet ist, den Börsenpreis der zugelassenen Wertpapiere erheblich zu beeinflussen." Wann eine Kursbewegung so "erheblich" ist, daß die Konzerne an die Öffentlichkeit treten müssen, ist auch für Fachleute meist Auslegungssache.Die Gewinnwarnung wird zunehmend gebräuchlicher.Denn die Unternehmen haben ein Interesse daran, den Kapitalmarkt und einzelne Aktionäre über den Stand der Dinge zu informieren und ihr Vertrauen nicht zu verlieren.Je besser Kunden und Anleger aufgeklärt werden, desto besser können sie sich auf veränderte Bedingungen einstellen.

Bringen börsennotierte Unternehmen eine Gewinnwarnung in Umlauf, treffen sie gleichzeitig eine Aussage über das aktuelle Kurs-Gewinnverhältnis (KGV) der Gesellschaft.Das KGV ist die Kennziffer, die angibt, mit dem Wievielfachen des Jahresgewinns die Aktie zur Zeit an der Börse bewertet wird.Zur Ermittlung des KGV wird zunächst der Gewinn eines Unternehmens auf die Zahl der Aktien verteilt.Der in der Bilanz ausgewiesene Gewinn hat dabei mit dem tatsächlich erwirtschafteten Reingewinn in der Regel wenig gemein.So müssen etwa außerordentliche Gewinne oder Verluste, die nichts mit der eigentlichen Geschäftstätigkeit des Unternehmens zu tun haben, herausgerechnet werden.In einem zweiten Schritt wird dann der Börsenkurs der Aktie durch den ermittelten Gewinn pro Aktie geteilt.

Börsianer sind vorsichtig geworden.Die Turbulenzen an den Aktienmärkten rücken deshalb verläßliche Kennziffern wie das KGV wieder stärker in das Bewußtsein der Aktionäre.Die Folgen einer Gewinnwarnung auf das KGV und damit auf den Aktienkurs lassen sich für die Aktionäre nicht genau vorhersehen.Die Händler sehen eine solche Meldung häufig als Chance zum Kauf.Privatanleger lassen sich hingegen oft von Negativ-Meldungen verunsichern und verkaufen.Eine Betrachtung des gesamten Konzerns sollte jedoch ausschlaggebend sein.Anleger sollten abwägen, ob die Verluste eher temporär sind, oder ob etwa internationale Finanzkrisen oder Flauten einer ganzen Branche die Gewinnwarnung eines Unternehmens begründen.

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