Wirtschaft : Anlegerinnen erobern eine Domäne der Männer

KAREN WIENTGEN

Frauen und Geldanlage - das Thema ist en vogue.In diesem Jahr hat in Berlin ein Finanzdienstleistungsunternehmen für Frauen aufgemacht, und das ist nicht das erste.40 Frauen haben im Sommer bei einem Symposium über Geld und Frauen diskutiert, das von der Berliner Bank organisiert war.Die gleiche Bank hat zudem Investmentklubs für Frauen initiiert.Bei der Deutschen Bank folgen Kundinnen bei Kaffee und Kuchen Vorträgen über Aktien, Euro und Investmentfonds.So wie sich einige Frauen schon seit Jahren dem Computer in männerfreien Domänen nähern, ist dies auch bei Geldanlagen der Fall.

"In den letzten drei Jahren hat sich das Beratungsangebot für Frauen ungeheuer vergrößert," sagt Svea Kuschel, die vor zwölf Jahren in München das erste Büro für Finanzdienstleistungen für Frauen eröffnet hat.Seitdem habe sich der Markt "verzehnfacht." Sie schätzt, daß es in der Bundesrepublik um die 30 Finanzdienstleistungen von Frauen für Frauen gibt.Drei davon sind in Berlin angesiedelt.Finesse, Finanzkontor und das Frauenfinanzbüro Lehing & Rune GmbH.Nicht eingerechnet sind freie Beraterinnnen, die nur Frauen betreuen.

Warum eine geschlechtsspezifische Beratung, die bei manchem spöttisches Grinsen hervorruft? Besteht tatsächlich ein Bedarf? Ja, meinen die Frauenberaterinnen.Die Kundinnen, so berichten verschiedene Beraterinnen von Frauenfinanzdienstleistungen unisono, hätten schlechte Erfahrungen gemacht."Viele Frauen, die zu uns kommen, sind sehr unzufrieden mit bisherigen Beratungen," sagt etwa Cathrin Diesing von der Frauen-Beratung Finesse.Sie seien "unfreundlich abgefrühstückt" worden und bemängelten, daß "mir nur etwas verkauft werden sollte." Nach Aussagen der Münchener Frauenfinanzberaterin Svea Kuschel berichteten Kundinnen von Fragen des Beraters, ob denn auch der Mann für die Raten aufkommen würde.Dies bestätigt eine Untersuchung der Stiftung Warentest.Männer und Frauen testeten für die Berliner Institution in ganz Deutschland mehrere hundert Banken und Sparkassen.Während Männer in den meisten Beratungsgesprächen auf die interessante Anlagemöglichkeit in Aktien hingewiesen wurden, wurde den Frauen vorwiegend zu hausinternen Sparanlagen wie Sparbriefen, Bundesschatzbriefen oder Festgeldanlagen geraten.

Doch eine vermeintlich diskriminierende Beratung in Banken ist nicht der einzige Grund, der eine Sonderberatung für Frauen rechtfertigt, meinen die Expertinnen.Frauen hätten andere Bedürfnisse, sagen sie, die nicht berücksichtigt werden in normalen Beratungen, und auf die weibliche Beraterinnen besser eingehen könnten."Die Altersvorsorge ist ein ganz wichtiger Punkt," betont Barbara Rune vom Frauenfinanzbüro Lehing & Rune, das vier Mitarbeiterinnen beschäftigt.Im Auftrag der Aegon-Versicherung hat Emnid im vergangenen Jahr Frauen allgemein zur Anlage befragt.Dabei antworteten 72 Prozent, daß es für Frauen eine spezielle Beratung zur Altersvorsorge geben sollte.Nur 24 Prozent hielten dies für überflüssig, vier Prozent haben keine Angaben gemacht.

Die Frauenbüros haben denn auch den Anspruch, umfassend zu beraten und gerade den individuellen Lebenshintergrund zu berücksichtigen.So berichtet Rune, daß sie etwa ein lesbisches Paar, das in eine Wohnung investiert, auch zum Rechtsanwalt vermittelt, um die rechtlichen Aspekte zu klären für den Fall, daß die Partnerschaft auseinandergeht.Mit viel Zeit will man den Frauen einen objektiven Überblick über Anlagealternativen verschaffen und vor allem, keinen Druck auf die Kundinnen auszuüben.Dazu gehört, daß die Kundinnen für das Erstgespräch, das etwa bei Svea Kuschel zwei Stunden dauert, je nach Büro zwischen 60 DM und 150 DM zahlt.Später finanzieren sich die Büros wie üblich über Provisionen der Investmentfonds oder Versicherungen.

Wer konsultiert Frauenfinanzbüros? "Eher nicht die typische Familienmutter, sondern viele Singles, die im Durchschnitt zwischen 30 und 50 Jahren alt sind," sagt die Berliner Finanzberaterin Rune.Zudem seien viele Freiberufliche unter ihren Kundinnen.Dagegen berichtet Diesing von Finesse von einem sehr breiten Spektrum, das von der Schülerin, über die Existenzgründerin und Arbeitslose bis zur Rentnerin reicht.Öfters kämen auch Frauen, die eine Erbschaft gemacht haben und sich nun überlegen müssen, wie sie sie anlegen.

Auch Banken sind auf den Zug gesprungen.Sie entdecken die Kundin, einige bieten auf einmal spezielle Veranstaltungen zu Frauen und Geld an.Der Grund dürfte sein, daß sich dies für sie rechnet.So beträgt etwa der Anteil von Frauen am gehobenen Privatkundengeschäft der Deutschen Bank in Berlin 30 bis 40 Prozent, schätzt Kurt Flesch, bei dem Kreditinstitut für den Vertrieb zuständig.Bei "richtig hohen Vermögen", also ab drei Mill.DM, seien Frauen sogar überdurchschnittlich vertreten.Flesch erklärt sich dies damit, daß die privaten Vermögen stetig anstiegen und da "Damen älter werden" als die Männer, sich das Vermögen bei ihnen mehr konzentriere.

Unter den Banken der Hauptstadt tut sich die Berliner Bank mit Sonderaktivitäten für ihre weibliche Kundschaft hervor.Im Sommer hat sie ein zweitägiges Symposium zum Thema Frauen veranstaltet; zudem regt sie Investitionsclubs für Frauen an.30 Frauen, von Studentin über Ärztin bis zur 70jährigen Hausfrau treffen sich in den Räumen der Berliner Bank, arbeiten sich in das Thema ein und überlegen, wie sie ihr Startkapital von wenigen hundert DM anlegen.Eine Sache, die es nicht nur in Berlin gibt, Vorbilder sind vorhanden.Unlängst berichtete die Zürcher NZZ über die sogenannten "Bearstown Ladies", einen Klub von einem Dutzend Frauen im Durchschnittsalter von 70 Jahren, die seit der Gründung ihres Klubs im Jahr 1983 eine durchschnittliche Jahresrendite von immerhin 15,3 Prozent erwirtschaftet haben.Auch andere Banken bieten Frauenspezifisches an.Zwar macht die Deutsche Bank keine spezielle Beratung für Frauen, weil "in unserer Kundenbefragung kein Bedarf ermittelt wurde", doch bietet sie sogenannte Cafés, Informationsveranstaltungen für Frauen an - weil die "Männerwelt einen Wissensvorsprung hat".Dort erfahren Deutsche Bank-Kundinnen Allgemeines über die Aktie, Investmentfonds, Rentenvorsorge und Aktie.Die Dresdner Bank hat die Bedeutung der Altersvorsorge bei Frauen erkannt und bietet hier ein besonderes Produkt an.

Für eine reine Marktstrategie hält Carsten Lucht, Geschäftsführer des Bunesverbanees für Finanzdienstleistungen, "reinrassige Büros".Man könne sich genauso gut als Zielgruppe Ingenieure wählen, denn einen speziellen Bedarf sieht er nicht.Daß Anlageberater Frauen nicht ernst nähmen, sei "Schnee von gestern".Die meisten würden heute kompetent beraten und auch auf den Lebenshintergrund eingehen.Schwarze Schafe gäbe es allerdings in jeder Branche.Frauen könnten aber, so sagt er, besser auf die Kundenwünsche eingehen; daher seien weibliche Finanzberater im Ausland auch in der Mehrzahl.

Vorbereitung ist alles."Frauen sollten sich vorher überlegen, was ihr Anliegen ist und sich über das Marktgeschehen informieren," rät Anne Wulf, Geschäftsinhaberin vom Berliner Finanzkontor denen, die nicht die Frauennische aufsuchen.Gerade wenn die Sachverhalte sehr kompliziert seien - "das ist eine Unart bei Experten" - sollte man den Berater hinterfragen.

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