Wirtschaft : Annemargot Noebe

(Geb. 1920)||Entscheidend in Erziehungsfragen war, was sie selbst für richtig hielt.

Gregor Eisenhauer / Candida Splett

Entscheidend in Erziehungsfragen war, was sie selbst für richtig hielt. Aufmarsch der Dorfjugend. Auf der einen Seite alle Jugendlichen in Uniform: die Jungs von der Hitlerjugend und die Mädchen vom BDM. Auf der anderen Seite die Kinder ohne Uniform. Ein SA-Mann weist auf die Uniformierten: „Das ist Deutschlands Zukunft! Und dort“, der Arm schwenkt rechts: „Der Abschaum der Jugend“. Annemargot tritt vor, zieht die Uniformjacke aus, wirft sie dem SA-Mann samt BDM-Ausweis vor die Stiefel und rennt davon.

Den Mut hatte sie nicht vom Vater. Annemargot war früh ins Heim gegeben worden. Die Heimleiterin, Käthe Hamburg, nahm sich ihrer an und wurde bald zur „Mutti“. Ein „arisches“ Kind mit jüdischer Mutter – an Paradoxien mangelte es nicht in ihrem Leben.

1939 löste Käthe Hamburg ihr Heim auf und emigrierte nach England. Aber sie blieb die „Mutti“. Erst 1948, sie war inzwischen zur Jugendleiterin ausgebildet worden, erfüllte sich Annemargots Wunsch nach einem Wiedersehen. Sie reiste nach England und arbeitete in der Nähe Londons in einem von Käthe Hamburg geleiteten Altersheim.

Nach dem Tod ihrer Ziehmutter kehrte Annemargot nach Deutschland zurück. Sie mietete einen Bauernhof im Schwarzwald und richtete ein kleines Kinderheim ein, „Kindernest“, in dem sie, ganz auf sich gestellt, jeweils zwölf Kinder großzog, nebst vier bis fünf Katzen, die alle Therese hießen und abends die Pfoten ebenfalls zum Gebet falten mussten.

Sie wollte unbedingt einen Sohn, und so adoptierte sie 1953 aus einem Berliner Kinderheim einen dreijährigen Jungen, Uwe, dessen Mutter Selbstmord begangen hatte – aber das verheimlichte sie ihm. Entscheidend in Erziehungsfragen war immer, was sie selbst für richtig hielt.

Annemargot war resolut, im Lieben wie im Strafen. Jeder Kindergeburtstag war ein Fest, es wurde gespielt und gesungen. An Feiertagen wurde in der freien Natur gepredigt, vom Hochsitz herab: „Wie groß ist Gott, wie groß ist Gott im Kleinen.“ Ein Kind, das Popmusik hörte, musste einen Tag lang ins Bett. Und geschlagen wurde auch, allerdings nicht mit der Rute, sondern mit dem Teppichklopfer.

Nachdem sie das Kinderheim aufgegeben hat- te und nach Berlin gezogen war, entschloss sie sich zu heiraten. Aber auch die Liebe wollte sie nicht dem Zufall überlassen. Sie gab eine Kontaktanzeige auf und machte die Bekanntschaft von Will Noebe, Ökonom, Schriftsteller und Buchhändler, der zwanzig Jahre älter war als sie und kriegsversehrt.

1974 heirateten die beiden, und es war nicht nur eine platonische Beziehung. Sie erlebten sehr glückliche Jahre, anfangs. Gemeinsam führten sie den Buchladen, bis Will zum Pflegefall wurde. Ihre freie Zeit verbrachte Annemargot in ihrem winzigen Gärtchen, das sie im Hof ihres Wohnhauses angelegt hatte. Oder sie spielte mit der Eisenbahn, die ausklappbar, mitsamt Miniatur-Landschaft, im Küchenschrank verborgen war.

Auf Materielles legte sie nicht viel Wert: Geld, Möbel und selbst ihr Klavier gab sie an Menschen weiter, wenn sie glaubte, dass sie es dringender brauchten. Als ein kleines Mädchen über eines von ihren Bildern schwärmte, nahm sie es von der Wand, schrieb auf die Rückseite: „Dieses Bild gehört Ariande, wenn ich tot bin“.

Zehn Jahre lebte Annemargot nach dem Tod ihres Mannes allein, dann bezog sie mit ihrem Sohn ein Einfamilienhaus in Spandau. Wenn ab zu die Enkel oder „die alten Leute“, wie sie ihre kränkelnden Freundinnen kopfschüttelnd nannte, zu Besuch kamen, buk sie ihren berühmten Streuselkuchen. Täglich gönnte sie sich nach alter Gepflogenheit ihres Mannes eine drittel Zigarette mit Zigarettenspitze, was ihrer Meinung nach auch dazu diente, krankmachende Viren und Bakterien abzutöten.

Als sie begann, den Rasen mit viel zu viel Dünger zu verbrennen, beim Streuselkuchen die Butter vergaß und immer wieder umherirrend von der Polizei aufgegriffen wurde, war klar, dass sie an Alzheimer litt. Ihre drei letzten Jahre verbrachte sie in der Pflegewohngemeinschaft „Vergissmeinnicht“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar