Wirtschaft : Annette Rosenfeld

Geb. 1954

Nike Wagner

Unzählige Mäuse hat sie gefangen. Alle auf einmal. Abschied nehmen von Dir? Verzeih, aber wir weigern uns, erheben Einspruch. Stehen in der neueren Theaterregie nicht auch die eben auf der Bühne Ermordeten auf und schlendern in die Kulissen oder kommen zurück auf die Szene? Annette, Du wirst verstehen, bist Du doch dem theatralischen Denken ganz anheim gegeben und auch dem zyklischen Denken der buddhistischen Glaubenssphäre tief verbunden. Noch bist Du auf unserer Bühne, Verwandlung und Wiederkehr haben noch nicht begonnen, noch bist Du nicht Erinnerung geworden.

„Ichundich“ hieß der Text von Else Lasker-Schüler, über den Du 1978 Deine Magisterarbeit geschrieben, den Du anschließend am Düsseldorfer Schauspielhaus zur Uraufführung gebracht hast. „Ichundich“: Es muss zwei Ichs auch bei Dir geben, Annette, ein stilles, geheimes, vielleicht sehr religiöses Ich hinter dem Ich, das die Leute kennen, dem Ich der Theater und Betriebsbüros, Manuskripte und Terminkalender, Telefonschnüre, Bildschirme, Kalkulationen, Prospekte, Programme, Premieren – dieses Annette-Ich ist stark und laut und selbstbewusst, von einer schier unglaublichen Effizienz und nimmermüden Tatkraft.

„Ich fange jeden Tag zwei Mäuse, damit niemand behaupten kann, ich täte nichts“, lautete das Spruchband auf Deinem Computer. Nein, liebe Katze Annette, Du hast jeden Tag weit mehr als zwei Mäuse gefangen, die Schaubühne Peter Steins wird das ebenso bestätigen wie die Berliner Festspiele, die Bühnen in Düsseldorf, Gießen, Zürich und Berlin, an denen Du Regie geführt hast ebenso wie das Haus der Kulturen oder das Kunstfest in Weimar, deren Veranstaltungen Du künstlerisch wie organisatorisch auf die Beine gebracht hast. Es waren immer unzählige Mäuse, die Du gefangen hast, und alle auf einmal. Wer Dich etwas fragte, um etwas bat, Dich anklingelte – und es fragten, baten, klingelten immer alle zugleich – Du erfülltest alle Anforderungen, Wünsche, Notwendigkeiten, Überflüssigkeiten, bist mal zusammengebrochen, wieder aufgestanden, hast geschimpft, Türen geworfen, warst wieder da, immer in Bewegung, telefonierend durch die Räume wehend, mit der Hand durch die Haare fahrend, nervös, und sofort zu Scherzen bereit, durch Scherze ablenkbar.

Zu Recht mokiertest Du Dich einmal über meinen eher altbacken eurozentrischen Kulturbegriff. „Lass mich mit Indien in Ruhe, Annette, ich verstehe davon nichts“, sagte ich, als Du mir die tieferen Wunder dieser Weltgegend nahe bringen wolltest. Es hätten auch die Wunder anderer Weltgegenden sein können, Afrikas, Japans, Chinas. In diesem radikal offenen Konzept warst Du mir und vielen von uns voraus. Dass die sehr deutschen Sirenenklänge des Wagnerfestivals in Bayreuth Dich Weltläufige, Welthaltige kalt gelassen haben, gehört als hocherfreuliche Fußnote hierher.

Liebe Annette, Du hättest Dein Computer-Spruchband rechtzeitig und zugunsten einer anderen Weisheit korrigieren sollen. Ein alter Brauch bei jüdischen Grablegungen will, dass neben den Vorzügen des Verstorbenen auch seine ungünstigen Eigenschaften erwähnt und diskutiert werden. Annette! Wie kann man denn so rücksichtslos gegen sich selber sein, so an allen Ecken und Enden brennen, sich selbst verbrennen? Wie sollte Dein Herz den permanenten Druck, Deine Lunge die atemlose Jagd nach dem Ideal, nach der Perfektion aushalten? Ist die Kunst ein Lebensopfer wert? Wenn Du mich fragst: Nein. Niemals. Da bin ich auch ganz gegen Friedrich Schiller, der behauptete, das Leben sei der Güter Höchstes nicht.

Deine Schonungslosigkeit gegen Dich selbst war aber eben die Voraussetzung für Dein Können, Deine Passion für den schönen Schein die Voraussetzung für Dein Glück. Du wusstest, hast es verkörpert: Anders ist Kunst nicht zu haben, Kunst ist nicht für die Lauwarmen, und nur in der Kunst warst Du wohl wirklich glücklich. Wie Du leuchten konntest, wenn ein Abend gelungen war, wenn der Funke übersprang! Schon aber tauchtest Du wieder ein in die Strudel der vita activa, wirbeltest Du zu neuen Ufern: „Überall blüht mein Herz bunt auf“, schreibt Else Lasker-Schüler. Ein Vers, der freilich fortfährt mit den Worten: „Aber auch ich bin ohne Strand“.

Die Dichterin macht mich über Dein anderes, verschwiegenes Ich nachdenken. Ich kann es nur aus den Lücken erschließen, die Deine starken, bunten, öffentlichen Konturen ließen. Es war so viel Scheu und Zurückgenommenheit und Zartheit in Dir, um Deine Person herum, auch vorsichtige Fragen kamen auf keinen Grund – als wäre ein inneres Meer in Dir, auf dem für andere zu segeln verboten ist. Dem Du vielleicht auch selber ratlos ausgeliefert warst.

Du schienst nicht über Dich zu reflektieren. Einmal machte ich Dich auf Deine Handschrift aufmerksam: Ihr ausgeglichener, sicherer Duktus stand in einem bemerkenswerten Kontrast zu Deiner Getriebenheit. Du warst überrascht.

Wahrscheinlich aber ist es gerade die für alle spürbare Ungeschütztheit, Deine Nicht-Beschützbarkeit vor dem, was Du Dir selber zuzumuten imstande warst, die Dich in der Raubtier- und Intrigenwelt des Theaters so unbeschädigt hat überleben lassen. Mit großer Naivität, mit kindlichem Erstaunen, und selber von unglaublicher Bedürfnislosigkeit konntest Du den Ego-Spielen der anderen zuschauen, sie galten nicht für Dich.

Annette, Du hast uns verzaubert mit Deinem Charme und Deiner Schönheit und Deinem Wesen: Du mit dem englischen Porzellanteint, den roten Federn auf dem Kopf, Du mit Deinen indisch-japanisch anmutenden dunklen Gewändern, auf denen immer irgendwelche Farbtupfer zu finden waren. Annette, Du hast uns verlassen müssen, aber Du verlass Dich auf uns, wir vergessen Dich nicht. Du bist uns nur vorangegangen, weil Du immer schneller warst als wir. Ruh Dich jetzt aus, Annette, schlaf gut und hab gute Nacht!

Die Autorin ist künstlerische Leiterin des Kunstfests Weimar „pèlerinages“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben